Scheisstag

Zeit der Enttäuschungen.
Winter, Schnee, Spaß, Freude, Freunde,
wilde Schneeballschlachten,
durchgefroren bis auf die Knochen.

Zu Spät zu Hause,
Anschiss, Fernsehverbot.
Ferien.
Weihnachten.
Trautes Heim.
Stille Zeit, Zeit, zu verzeihen, Zeit, zusammen zu kommen, Zeit für Frieden, Zeit der Erwartung,
Zeit der Enttäuschungen.

Samstag, Nachmittags in der Stadt.
Letzte Möglichkeit, bis zum frühen Abend haben die Geschäfte noch offen.
Endlich, ein Gedanke, eine Idee, was man jemandem schenken kann, der einem nichts bedeutet, von dem man aber eventuell etwas bekommt und denjenigen, oder sollte ich sagen, diejenige, soll ja nicht bloßgestellt werden, durch den reinen Akt des Nichtbeschenkt werdens.

Also, ab in die Stadt, da war doch das Haushaltsgeschäft, gleich unter dem Karlstor, mitten durch die Menschenmassen, mehr geschoben, als gegangen, unter den Arkaden.
Und da gab es die Salzstreuer.
Da war dieses Bild im Kopf, wie sie auszusehen hatten, wie sie richtig waren.
Und da war diese Unmenge von Salz- und Pfefferstreuern, unfassbar für jemanden, der sich noch nie mit etwas derart Banalem auseinandergesetzt hat, unfassbar, dass es so viele sein konnten und einer scheußlicher als der andere.
Und das Bild, wie sie sein sollen verschwimmt, wird durch die Eindrücke verwischt, das Ideal langsam durch die Myriaden von Hässlichkeiten entstellt und es verärgert den Suchenden und verwirrt ihn.
Dieses eine Paar Salzstreuer, so wie man sie zuhauf in Wirtshäusern und Gaststätten zu sehen bekam, so selten waren sie in Geschäften zu finden.
Es mussten die sein, mit silbernen Metall als Kappe.

Warum so viel Mühe, für jemanden, der einem gleich war?
Weil es einmal im Jahr sein musste?
Oder eher der Beweis, den man sich selbst schuldig war,
dass es eben doch nur gut ist, wenn man es gut macht?
Und nur gut ist, was Mühe macht?
So wird dann gefunden, was gesucht wurde, mühselig, das Kleingeld abgezählt,
dass aus Schubladen und Hosentaschen zusammen gekramt wurde und ab,
nach Hause und verstecken.

Weil man immer alles verstecken musste.
Weil selbst das, was man für sich selbst gekauft hatte, sei es das Comic oder ein Spielzeug,
argwöhnisch betrachtet und be- und schließlich verurteilt wurde.
Und so war Heimlichkeit der beste Weg, wenn man den Enttäuschungen entgehen wollte.

Der Enttäuschungen gab es viele und die Urteile wurden hart und schnell gefällt und es wurde mit wenigen Worten zerstört,
was man sich abgespart und angeschafft hatte.

Und heute, der quälend lange Tag, die Hoffnung, dass es diesmal anders werden könnte, dass sie sich einmal Mühe gegeben haben, im Herausfinden, was es sein könnte, was man begehrt.

Der Tag war so lang und der Abend wollte nicht kommen und da war dann noch der gemeinsame Spaziergang durch den Wald, armseliges Signal für Frieden und Gemeinsamkeit, den es nicht gab,
der an diesem Tag heraufbeschworen und am nächsten dann sorgsam wieder eingesperrt wurde.

Und es zog sich und der Abend ließ auf sich warten und dann war er da und dann das Überreichen der kleinen Dinge, die man sich abgespart und ausgedacht hatte und das Aufreißen der größeren Pakete und noch während man die Größe der noch verpackten Kisten in Augenschein nahm, war klar, dass auch das Gewicht nicht stimmen würde, dass sich der Inhalt, noch verborgen unter buntem Papier auch nicht so anfühlen würde
Dass es falsch war, dass sie wieder nicht wussten, wer man war, was man begehrte.

Wie fein und richtig diese Ahnungen stets waren, mit dem detektivischem Gespür kam die Enttäuschung, kam die Ahnung, dass der eigene Einsatz, für die, die ihm ein Heim gaben und Kleidung und Taschengeld, aber selten Zuneigung und Zuspruch, dass der eigene Einsatz nicht selten der höhere war.

Und das Gefühl, das so präsent ist,
dass sie es entweder nicht wissen,
oder es ihnen gleich ist,
so präsent,
wie kaum an einem anderen Tag im Jahr.

fck

10 Gedanken zu “Scheisstag

    • Ich erinnere mich an einen Rennwagen mit Kabelfernsteuerung. Zu einer Zeit, als drahtlose Fernbedienungen angesagt und erschwinglich waren….. Hm, was sagt mir das, dass ich mich nach knapp 40 Jahren noch daran erinnern kann…

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  1. Ich begreife nie, warum Menschen, die keine Lust auf bestimmte Festivitäten haben, diese dennoch begehen. Da ist Weihnachten nicht anders als Karneval …

    Deshalb: Mut zur Lücke. Nein zu Geschenken, die nicht von Herzen kommen. Nein zur geschauspielerten Heilen Welt.

    Am Ende bleibt das übrig, was wirklich zählt.

    Und man spart eine Menge Geld. 😀

    In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

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