Meine Frau in Rot

Erste Gefühle

Naja, vielleicht nicht die ersten.
Aber die, die in Erinnerung geblieben sind.
Die vom ersten Mal.

Dem grandiosen ersten Mal.
Dem Mal, an das man sich erinnert.

Und wenn es noch so jämmerlich gewesen ist.
Es war das erste Mal.

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann es war. Das Jahr, das Datum, verflogen.
Ich weiß wo und mit wem und das ist mehr, als manch’ anderer dazu zu sagen hat.
Ich glaube sogar sagen zu können, dass es für sie auch, zumindest ein wenig, bedeutsam war.
Obwohl ich definitiv nicht ihr Erster war.
Das ganz sicher nicht.

Ich habe damals noch zu Hause gewohnt.
Meine offizielle Schullaufbahn war abgehakt. Ich ging zur Volkshochschule, so wie sie und habe einen Abschluss nachgeholt.
So wie sie.

Bei mir war es Faulheit, nicht die richtige Schule, der falsche Fachbereich, was weiß ich. Von allem etwas.

Bei ihr gerissene Menisken. Gibt es von Meniskus einen Plural? Sie hatte sich beide ruiniert. Beim Ballett.
Eine Karriere war damit nicht mehr zu machen und deshalb: Ab auf die Schulbank. Und da haben wir uns kennengelernt.

Ein wenig lieben auch.
Sie war älter als ich, ich Anfang 20, sie Anfang 30.

Wir trafen uns oft, verbrachten Zeit miteinander.
Genossen die Abende zusammen.
Küssten uns, schliefen im selben Bett. Sonst nichts.
Das ging einige Wochen so.

Ich hab’ sie einmal mit zu mir genommen. Wir sind auf eine Hochzeit eingeladen gewesen und ich musste noch etwas bei mir mitnehmen.
Sie hat ein enges rotes Wollkleid getragen. Sie, mit ihrer schlanken Ex Ballettänzerinnenfigur.
Sie sah ungemein gut aus.
Das konnte ich an den Stilaugen meines Vaters, ernsthaft, er kam aus dem Schauen nur schwer raus und dem giftigen Blick meiner Mutter sehen.

So, nun hatten sie ein Bild. Mein Vater gewiss.
Wir fuhren in ihrem Mini zur Hochzeit, amüsierten uns königlich über den Eindruck, den sie bei mir Zuhause hinterlassen hat.

Und verbrachten die Tage und Nächte in Freundschaft miteinander.

Eines Abends, ich war bei mir, rief sie an, fragte ob ich kommen wolle. Ich könnte auch etwas zu essen mitbringen.
Ich grabschte mir etwas aus dem elterlichen Kühlschrank, verabschiedete mich und wollte los.

Wollte, mein Vater hielt mir eine Predigt, dass sie wohl ein wenig zu alt für mich wäre. Das “so eine Frau wohl nichts für mich wäre”.
Ich entgegnete ihm, dass wir Freunde wären, ich nicht mit jeder Frau ins Bett ginge, zwischen uns nichts laufen würde und überhaupt!

Fuhr zu ihr.
Hab mit ihr gegessen.
Ging ins Bett zu ihr.
Schlief mit ihr.
Sie mit mir.

Es war neu, nicht besonders gut und schnell vorbei.
Wir beließen es bei dem einen Mal.
Sie war meine Frau in Rot.
Und mein erstes Mal.

Manche Dinge werden nicht vergessen. Danke dafür.

Hörtextversion:

egon-schiele-stehende-Frau-in-Rot-1913

24 Gedanken zu “Meine Frau in Rot

  1. Eine tolle Sache mit der Aufnahme. Ich schrieb es schon beim Herrengedeck, nun auch noch mal hier: Deine Stimme ist bewundernswert. Ich finde das richtig gut, seinen eigenen Texten eine, seine Stimme zu geben – genau so, wie sie sein sollen. Gefällt mir.

    Gefällt 1 Person

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