Wahrnehmungsabgleich

«Wie siehst Du am Morgen?,
ich mein‘, wenn die Sonne noch nicht da ist,

wenn der Tag noch grau und finster ist?»
«Siehst Du wie ich?»
»Ich seh‘ Pointillismus, alles in grau, grob gepunktet.
Farbige Punkte. Schwirren,flackern, rotieren.»

Ich hab‘ noch nie darüber nachgedacht, noch nie reflektiert,
ob andere, Du, die Welt genau so sehen, wie ich.

Wahrnehmungsabgleich.

Ist mir nie in den Sinn gekommen, bis heute.
Heute morgen.
Du weißt keine Antwort darauf,
bist noch im Dreiviertelschlaf,
kochst auf kleiner Flamme deine zähe Gedankensuppe.

Im späteren Gespräch dann die Feststellung,
dass der Wahrnehmungsabgleich auch bei dir Premiere hat.
48 Jahre und noch nie hinterfragt,
ob das Gegenüber die Welt mit den gleichen Augen sieht, wie man selbst.
Still und schweigend immer davon ausgegangen, dass dem so ist.
Borniert.

Was, wenn meine Welt im grauen Morgen in groben Punkten,
wie mit Iso 6400 analog fotografiert, aussieht und deine farbenfroh und satt ist?

Wie hörst Du Klang?
Sind es die selben Farben, in denen Klang klingt?
Tönern braun, klar und Kristall, Bass und dunkel?

Siehst Du Bäume oder Strukturen?
Fraktal, in ewiger Selbstreplikation.
Buchstaben am Himmel oder Vögel?

Teilen wir die gleiche Welt?
Ich trau‘ mich nicht, die Antwort einzufordern.

Das unendliche Gemüse
Das unendliche Gemüse

10 Gedanken zu “Wahrnehmungsabgleich

  1. Du meinst ja nicht mich… Trotzdem ist es vielleicht ok, wenn ich Dir sage, was ich sehe. So zum Vergleich? Im Viertelvorhalbschlaf?

    1. Blick: eine Kohlkopfspitze kommt auf mich zu. Bohrt sich hoch. Besteht aus vielen Kohlkopfspitzen und wird zum Ganzen.

    2. Blick. Umschalten. Das Ding bohrt sich runter. In die Unendlichkeit.

    3. Blick: Zu helles Grün. Stechend. Die Schatten scheinen verschoben. Und heben sich deutlich ab. Das Licht kommt von oben.

    4. Gedanken. Es müsste sich doch drehen. Theoretisch. Ich kann’s noch nicht erfassen. Nachher nochmal schauen.

    5. Abschluss. Eine Zacke links unten stört mich. Sie ist nicht „gleich“

    6. Nehme mir vor, das später noch genauer anzuschauen. Kann ja wirklich sein, dass sich die Wahrnehmung im Laufe des Tages wesentlich verändert.

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      • Klar, aber wir nehmen alle anders wahr. Nur tiefe Freundschaften verschaffen hierüber Einblick. Um das alles zu begreifen. Sich gegenseitig zu erarbeiten: Was siehst Du darin? Wie interpretierst Du das? Was fühlst Du gerade dabei? Dann geht man gemeinsam einen Weg. Und erschafft sich eine gemeinsame Welt.Aber nur, wenn man annährend dieselbe Wahrnehmung hat. Glaube ich. Oder?

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  2. mein Blick hat sich festgesaugt an die Rotationsbewegung ins Unendliche, ich sah etwas tanzen, strudeln… die Farbe zu grell…., dann die Freude, das Glücksgefühl an der Schöpfungsfantasie etwas so zu gestalten, diese Einfälle der Natur, die Harmonie in der Form…. die Farbe zu grell…., ein Sterngebilde,…. die Farbe zu grell……als Musik Techno….weil…die Farbe zu grell….., also zwiespältige Gefühle……
    Austausch der Wahrnehmungen, um mit den Augen des Anderen eventuell etwas bisher ganz Ungesehenes zu entdecken, ist immer spannend… der einzige Weg dahin: kommunizieren und offen sein für die fremden Wahrnehmungen, auch wenn ich sie eventuell nicht nachvollziehen kann, weil sie von seiner Gefühlswelt etwas preisgeben und meine anders ist. Aber das trennt meines Erachtens nicht… denn das wäre Anmaßung, daß Andere die Welt nur mit meinen Augen/Gefühlen wahrnehmen sollen.

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  3. Ich hab mich schon oft gefragt, wie es wäre, wenn man für einen Tag mit jemand anderem den Körper tauschen könnte. Nicht so, dass man die Kontrolle hat, aber dass man exakt das erleben würde, was die Person erlebt, dass der Mensch nach Außen hin genauso agiert und funktioniert wie sonst und niemandem was auffällt und man selbst das von Innen beobachten kann. Einerseits wäre es wahnsinnig interessant, das rauszufinden, wie genau andere Menschen die Welt sehen (und ich denke nicht, dass man irgendetwas an Wahrnehmung wirklich 1 zu 1 teilen kann, wenn man sich auch sehr sehr nahe kommen kann), andererseits würde ich niemandem absolut alles von mir zeigen wollen.
    Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass wir diese Trennung voneinander haben, wenn wir auch immer versuchen, sie schwächer zu machen (was wunderbar ist), aber dadurch sind wir auch geschützt und wissen, egal wie nah man jemandem kommt, man hat immer noch sich selbst und das, was man niemandem weg geben kann, ob man will oder nicht.

    Ich sehe in diesem Bild eine optische Illusion, die mit den gemüseartigen Strukturen in meinem Kopf leider nicht wirkt. Mein erster Gedanke, nachdem ich das Bild überflogen hatte, war eine Viruszelle. Dann Gemüse in einer optischen Täuschung, was ich irgendwie lustig fand. Ich habe erst beim dritten Schauen gesehen, dass das kein Gemüse ist, das schien mir vorher selbstverständlich, dass da was kombiniert wurde ;).
    Wenn ich es aus dem Blickwinkel des Hörens betrachte wäre das ein glaube ich ein atonales Klanggebilde, das entweder akustisch oder elektronisch ganz knapp an einer vermeintlichen klaren Struktur vorbeitönt, vielleicht irgendwie verwaschen oder fließend, vielleicht dissonant, vielleicht alles zusammen. Ich finde, es hat auch was gummiartiges.

    Und dass das Bild den Titel „Das unendliche Gemüse“ hat ist mir erst beim vierten Hinschauen aufgefallen. Es ist also doch Gemüse, haha.

    Liebe Grüße,
    Yuliya

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    • Das Gemüse heißt, wenn ich nicht irre, Romanesco. Ein sehr faszinierendes Gemüse. Wie ein Farn, der seine Form immer wieder in sich selbst reflektiert, erschafft sich auch der Romanesco immer wieder in sich selbst. Sehr schön.

      Um den Wahnsinn eines jeden anderen zu begreifen, müsste man tatsächlich mit der Person tuschen, müsste man diese Person vorübergehend sein, in sie hineinschlüpfen.
      Was für eine herrlich irre Vorstellung, welch totales Verlassen alles Bekannten.
      Hmm, natürlich muss dabei das eigene Bewusstsein ebenfalls da sein, damit sich das Delta der unterschiedlichen Wahrnehmung überhaupt bilden kann…..
      „Zwei Seelen Wohnen ach in meiner Brust“ ….
      Goethe war, na klar, Genie, dass er war, natürlich schon da, Wäre er ein Graffiti Sprayer gewesen, so wäre auch das ein Ort, an dem er seine Tags hinterlassen hat, lange vor uns kleinen Menschleins….
      Autsch, ziemlich herrlich wirre Gedanken, für gerade aufgewacht, den tollen Kommentar gelesen und darauf reagiert..
      Wahrnehmungsabgleich eben, so gut wir es können, nicht wahr 🙂

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  4. Freut mich, dass mein Kommentar dich zu so „herrlich wirren“ Gedanken inspiriert hat :). Ich habe gerade bei Google nachgeschaut, Romanesco-Gemüse sieht ja tatsächlich so aus, das ist ja irre! Ich will so eins haben. Zum an die Wand hängen oder so.
    Wahrnehmungsabgleich ist immer spannend. Ich habe mal nach einer langen Diskussion mit einem Freund festgestellt, dass wir für einige der benutzten Worte unterschiedliche Bedeutungen haben, das war klasse.

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    • Ja, Romanesco ist das irre fraktale Gemüse und sieht in echt noch viel beeindruckender aus.
      Schon irre, wir sprechen miteinander, aber so richtig klar ist es nie, ob wir uns auch wirklich verstehen…. Ich glaube, zu meinen….

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  5. Ja, und man findet auch nie wirklich heraus, ob man sich eigentlich verstanden hat. Manchmal glaubt man, verstanden worden zu sein, weil man die Worte des anderen nach seiner eigenen Denkweise auslegt und dann scheinen sie zu passen, wobei jemand anderes die eigenen Worte wiederum auf seine Weise auslegt und man glaubt trotzdem, eine Verbindung zu haben, wo vielleicht eigentlich keine ist… Und irgendwann, vielleicht Monate oder Jahre später, spricht man erneut über ein Thema, benutzt ein anderes Wort als früher und plötzlich versteht niemand mehr irgendwas. Aber dann lässt es sich aufklären… Wenn einem nicht wieder ein „Wortfehler“ unterläuft. Diese Kette lässt sich unendlich weiterführen, haha. Worte sind schon etwas tolles 🙂

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