Kein Kontinuum?

Schläfrig. Im Zug. Über die Lande.

Der Weg, nur zu bekannt.
Rar an Eindrücken, die sein Interesse weckten.

Im Zug der voll mit schläfrigen Menschen war, gab es nichts, was ihn wach halten würde.

So schlief er ein.
Dämmerte weg in ein halbwaches Sein, weit entfernt von tiefem Schlaf, weit genug weg vom gelangweilten Wachsein.
Innerlich auf Habacht, ein wenig Weg musste noch zurückgelegt werden, die Haltestelle wollte nicht verpasst sein.

Wurde schläfrig, nickte weg, der Kopf, zur Seite gekippt,
schließlich durch eine Erschütterung, ein Bremsen vielleicht, geweckt.
Schreckte auf, blickte nach draußen, sah Fremdes.

Die gewohnte Umgebung, verschwunden, vertauscht.
Ausgewechselt.
War er in den falschen Zug gestiegen, der irgendwo auf der Strecke auf ein anderes Gleis abgebogen war?
Er verneinte innerlich; die Gesichter der anderen, zwar schläfrig, doch teils bekannt.
Teilten sie doch beinahe Tag für Tag die selbe Wegstrecke.
Hatte er seine Haltestelle verschlafen?
Nicht auszuschließen, jedoch auch verworfen, nachdem sein Blick auf seine Uhr gewandert war.
Er war noch in der Zeit.
Er würde seine Station in wenigen Minuten erreichen.

Ein Blick aus dem Fenster ließ ihn daran zweifeln.
Der Anblick, der sich im bot, war befremdlich.
Die anderen schienen nichts zu bemerken, kein Raunen, dass durchs Abteil ging, kein Aufstöhnen, ob des Anblicks, kein Wimmern und kein Wehen.
Die Anderen, sie schliefen, waren weg genickt. Er würde sie nicht wecken, ihnen den Anblick ersparen.

Der Zug fuhr mit zügigem Tempo.
Im Vorbeiwischen der Dinge, die nahe am Fenster waren, gab es nichts ungewöhnliches zu berichten. Flächen, farbig, verwaschen.
Weiter in der Ferne, dort wo der Blick länger verweilen konnte, trotz der Geschwindigkeit des Zuges, dort bot sich ihm ein Anblick, der seinesgleichen suchte.

Atome, es mussten Atome sein. Er besaß einmal eine Schautafel, aus dem Physikunterricht, auf dem ein Atom abgebildet war.
Die Tafel war alt, das Modell des Universums ein unvollständiges, das Atom, damals als kleinstes Element bezeichnet.
Später entdeckte mal kleinere Elemente, aus denen die Atome zusammengesetzt waren. Hier, vor ihm, sichtbar der Gegenbeweis.

Träge, sich drehende Elemente, draußen, hinter der Scheibe.
Groß, mächtig, schwerelos rotierten größte kugelförmige Objekte um noch größere Kugeln herum, zogen ihre Bahnen.

Er begriff nicht wirklich, was er da sah.
Sah Atomen zu, die, von Elektronen und Positronen umschwirrt, ihre Bahnen zogen.
Sah den Grund nicht mehr, auf dem die Gleise fest im Boden verankert sein sollten.

Wann würde er an seine Haltestelle kommen?
Nichts vertrautes bot sich seinem Blick an. Nichts, was seiner Orientierung Hilfe sein würde.
Er sah auf die Uhr, wollte die Zeit abschätzen, bis zum Bahnhof. Sah darauf und war mehr schockiert, als von dem, was sich ihm beim Blick aus den Fenstern des Zuges anbot.

War erschüttert, bis in seine Grundfeste, spürte das Band, dass sich um seine Brust schloss, schnappte nach Luft. Meinte zu ersticken.

Muss man ausatmen, wenn man einatmen will, wenn die Zeit rückwärts läuft?
Die Zeiger der Uhr, sie liefen rückwärts. Es war nun früher, als beim ersten Blick auf die Uhr.
Er zwang sich weg zu sehen, bis 60 zu zählen und erneut auf die Uhr zu schauen.
Tat es, zitterte und begriff, was er sah.
Eine Minute war für ihn vergangen, auf der Uhr jedoch, nun eine Minute weniger als zuvor.

Das ewige Paradox.
Würde er jünger werden, obwohl er noch immer vorwärts dachte und sich vorwärts bewegte?
Müsste nicht alles rückwärts ablaufen? Warum lief die Uhr rückwärts?
Glich das Gehirn die Reversion aus?
Ist es den Gedanken gleich, ob sie nun auf der einen oder anderen Seite der Zeitachse gedacht werden?

Draußen trieben Atome entlang, kreisten, folgten unsichtbaren bogenförmigen Bahnen.

Er stand auf, ging zum nächsten Sitzplatz, wollte den ihm Nächsten wecken, seine Gedanken und Eindrücke teilen,
nicht mehr länger alleine sein, gemeinsam über einen Ausweg nachsinnen.
Stupste den Fahrgast, war erfolglos, im Versuch ihn zu wecken.
Versuchte es bei dem nächsten, blieb ohne Erfolg, versuchte sich an allen.
Sie waren erstarrt, nicht bewegungsunfähig, doch scheinbar wie in Zähes eingebacken.

Er blieb alleine.
Das hier war seine Aufgabe. Nur seine.

Würde er versuchen, den Zug zu verlassen?
Es schien im sinnlos, dass zu erwägen.
Den Zug stoppen? Auch das war keine Option.
Er würde im Nichts, zwischen Atomen gefangen verweilen müssen.
Hilfe wäre dort nicht zu erwarten gewesen.
Was konnte von Nutzen sein?
Bei all dem Abwägen, dass in allen Fällen zum Verwurf führte, blieb nur ein Ausweg.
Eine Möglichkeit, die sich im bot.

Er würde nichts tun. Schlafen.

Und so begab er sich auf seinen Platz, legte sich auf die Sitzbank und beschloss, sich vom gleichmäßigen Rattern einlullen zu lassen.
Bedeckte die Augen mit seinem Unterarm, rollte sich ein,
lag, wie ein Kleinkind mit angezogenen Beinen auf der Bank und lauschte dem Rattern,
versank darin, wurde träge und schlief ein.

Die Mechanismen begannen zu greifen, glitten ineinander, verzahnten sich.
Kupplungen wurden gelöst, Getriebe umgewuchtet.
Schalter, Hebel, gedrückt und gezogen.
Rote Lampen wechselten die Farben, wurden zu grün.
Pegel, in roten Bereichen, glitten zurück in die Normalanzeige.

Unvorstellbares war geschehen, niemals Geplantes.
Sitzungen würden einberufen werden,
Köpfe würden rollen müssen,
Positionen neu besetzt werden.

Niemand der einschlief, hätte jemals im Zwischenraum aufwachen dürfen, niemals.
Der Raum war den Konstrukteuren vorbehalten.

Er erwachte.
Sah auf die Uhr.
War irritiert.
Nur Momente waren vergangen, der Zug hatte gerade den Bahnhof, an dem er zugestiegen war verlassen.

Atom Zerfall

9 Gedanken zu “Kein Kontinuum?

    • Das Atomium ist schon ein tolles Gebäude.
      So ungewöhnlich, wie es selten ist.
      Schon irre, dass das, was uns ausmacht, was alles ausmacht, als Gebäude, meines Wissens, einmalig ist.

      Und warum auch immer:
      There are pyramids in my head
      There’s one underneath my bed…

      Auch nur Atome…

      Gefällt mir

Was gesagt werden muss...

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s