Das Chamäleon

Morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, welche Farbe man hat.
Erst nach dem ersten Kontakt, draussen, außerhalb seines nächtlichen Baus.
Dort wird er etwas über seine Färbung erfahren.

Die Färbung, die er spontan annahm, wenn er dem Ersten begegnete.

Heute waren die Farben hektisch, pulsierten in grellen Farben.
Es war die morgendliche Betriebsamkeit, deren Rhythmus er ebenfalls annahm.
Das Morgenritual, sich einen Kaffee in die Hand drücken zu lassen.
Floskeln abarbeiten.
Bis zur nächsten Etappe.

Die Route war angepasst, das unterirdische Fahren ertrug er nicht mehr.
Es dauert länger mit der Straßenbahn, ist umständlicher, er muss zwei mal umsteigen.
Aber die Stationen sind einander näher.
Erträgt er es nicht mehr, sein Flackern, dann kann er aussteigen.
Zwischenetappe. Rasten.
Alles ist mit einkalkuliert.
Er verspätet sich nie.

Später dann wird es anstrengend.
Permanenter Farbenwechsel.
Er beherrscht das Spiel. Es ist Routine.
So viele Begegnungen, unvorhersehbare und erzwungene.

Mittags muss er raus. Nicht ins Freie.
Tief unten hat er einen Raum gefunden.
Er wird dort nicht gesucht, kann für sich sein.
Die Farben abfallen lassen.
Ruhig pulsend, grau, mit nur wenigen Schattierungen.
Wenn er da angekommen ist, ist die Pause vorüber.
Muss er wieder zurück.

Die einstudierten Rituale wiederholen sich.
Das Farbenspiel.

Abends dann, wenn es viel länger dauert, bis die Ruhe einkehrt.
Die Zeichnungen abnehmen.
Abends, steigt der Gedanke hoch. Selten lässt er ihn zu.
Die Frage nach seiner eigenen Färbung, die ihn schmückt und verziert.
Er wagt es kaum, sich diese Frage zu erlauben.
Es ist zu lange her.
Die Erinnerung daran verblassend, im grotesken Widerspruch zu seinen wahren Farben.
Die einst so hell und bunt und warm ihn schmückten.
Die er abgelegt hatte. Vergessen. Verdrängt.

Seine Farben waren nun die der anderen.
Der Schlaf erlöste ihn.
Morgen…

22 Gedanken zu “Das Chamäleon

  1. Der Text darf hier nicht vor sich hinschlummern, der nicht. Bitte rausholen, neu veröffentlichen, was weiß denn ich…Der hat mir eben die Beine weggezogen. Ich las ja viele sehr gute Ihrer Texte inzwischen, aber der, der, ich muß erst nochmal lesen.

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    • Mann, Frau Knobloch, jetzt bin ich verlegen.
      Danke.
      Schreibers Traum, dem geneigten Leser die Beine wegzuziehen.
      Und ja, den kram‘ ich raus und morgen dürfen Sie ihn noch mal lesen.

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  2. Lieber Herr Faktoid, großartig, danke. Mir fehlen noch immer irgendwie die passenden Worte, zumal schon der nächste Hammertext im offengelassenen Tab geduldig auf’s Wiederundwiederlesen wartet. Das Universum in der Ecke…

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    • Liebe Frau Knobloch. Das haben Sie jetzt davon. Sie sind soeben zur persönlichen Archivarin des faktoidschem Werk erkoren worden.
      Ein Amt, dass man nicht ablehnen kann.
      Gratulation und danke fürs Lesen all der alten Texte.

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      • Herr Faktoid, das ist wahrlich kein Amt, daß man ablehnen kann. Sie sehen mich angemessen schnappatmen. Archivarin.Ich.Eintraum. Ich sehe es vor mir, meine Memoiren, betitelt: Ich, Archivarin eines Haderers. Grandios. Ich danke Ihnen und gelobe Gründlichkeit, Solidität und Reinlichkeit. Bekomme ich den Hauptschlüssel?

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