Spaziergang durch mich

Mein Mund.
Gelegentlich, wenn ich meine zu lächeln, schaue ich in den Spiegel, sehe meine Mundwinkel in der Waagrechte.

Nicht nach oben gezogen.
Ich meine zu lächeln, doch mein Mund verweigert den Dienst.
Spüre, wie schwer es ist, die Ränder nach oben zu bewegen.
Zu oft blickte mein Mund ernst, als dass es mir leicht fallen würde.

Die Augen, Schlitze. Falten drumherum.
Sie können lachen, immerhin. Sehen viel, alles, doch nicht mehr aus der Nähe. Unverstärkt sind sie nur von geringer Hilfe.

Meine Haare, Dunkel und doch schon langsam grau, nicht viel, jedoch ein wenig.
Mein Bart, nie dunkel gewesen, spät im Wuchs, doch sofort grau. Das Alter nicht verleugnend.

Meine Ohren, fein und doch zerstört.
Nie ohne Ton im Ohr, nicht Tag, nicht Nacht. Nicht schlimm, doch immer da.

Meine Nase, groß, gewaltig mit zu gutem Gedächtnis.
Gut im herbeirufen von Erinnerungen, Farben, Geschichten, Geschmack.
Wie oft dachte, ich “das schmeckt grün, ein wenig mit rot.”
Ich habe mich da nie verstanden, mein kleines Mysterium. Vorhanden, bekannt und nie erkannt.

So viele Jahre schon bin ich ich.
So viele Jahre kenne ich mich nur oberflächlich.
So viele Fragen, so wenig Gewinn an Erkenntnis.

Mein Inneres, mein Kopf gleicht einem Globus aus Eis, beinah von einem Pol zum anderen ausgebreitet.
Weiß, kalt und unbekannt.
Nach all den Jahren, nach so vielen Expeditionen ins Eis, dass, so hoffe ich, nun am Schmelzen ist.

Was verbirgt sich unter dem Eis?
Kann es, nach all den Jahren noch wachsen? Sich entwickeln? Aus eigener Kraft dann Weiß in Grün verwandeln, in Rot, in Morgenrot, sanft aus weichem Gelb entspringend?

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12 Gedanken zu “Spaziergang durch mich

  1. Es gehört Mut dazu, sich so zu betrachten wie man ist und nicht wie man sich gern sehen möchte. Sich nichts vorzumachen, tut nicht unbedingt dem eigenen Ego gut, hilft aber weiter.
    All die Altersmalaisen, die immer vermehrter auftreten, sind nebensächlich (schlimme Krankheiten ausgenommen), weil der Alter auch eine große Freiheit mit sich bringen kann….die zu nutzen……das ist das Grüne, das Abend- und das Morgenrot.
    Selbsterkenntnis…dafür ist es nie zu spät……auch um zu entdecken, was bisher aus welchen Gründen auch immer verborgen blieb, sich nicht nach Oben bahnte.
    Die kleinen pfeifenden Männer im Ohr (wieso hat man eigentlich immer einen Mann im Ohr und nie eine Frau, obwohl die doch auch nerven können-:))), die Kurzsichtigkeit, das große Riechorgan, die Ohren wachsen auch noch im Alter, der weiße Heiligenschein auf dem Kopf……alles nicht so wichtig……ich habe sie auch alle….
    neugierig auf sich selber sein und bleiben…….ist das nicht etwas sehr Spannendes?

    lieber Morgengruß von einem sich dem biblischen Alter immer mehr näherndem Oldie,
    der seine Freiheit sehr genießt….

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  2. So manche Eiskruste ist schon unter den milden Strahlen einer lachenden Sonne geschmolzen. Aus eigener Kraft muss der Mensch nur seinen Fuß bewegen. Vor die Tür. Ins Leben, ins Licht.

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  3. Verweigern. Ich verweigere mir diese Gedanken. Ich sehe in den Spiegel und sehe meine Hülle. Wie ich aussehe, wenn ich lächle? Ist mir wurst. Meine Vergangenheit? Ebenso. Leben. Jetzt. Mit diesem Alter. Mit diesen Gefühlen. Und: Alles tun, um sich gut zu fühlen. Tut was nicht gut? Weg damit.

    Sensibel, empathisch und verantwortungsvoll sein sich selbst gegenüber. Vielleicht der passende Schlüssel, den viele suchen.

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  4. Mir hätte ein zweiter Teil, 2.0 , ein aktueller Stand gut gefallen. Schreibst du ihn noch?
    By the way.. den Ton im Ohr. Ich hab ihn auch. Und nur immer mal kann ich sagen er stört mich nicht. Die Etappen des Ausblendens, des Ignorierens, sie sind nicht genug. Wahrscheinlich hatte van Gogh auch einen Ton im Ohr… wäre duchaus realistisch. 🙂

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