Wahrnehmungsableich – Der Spiegel

Er steht da, vor dem Spiegel, schaut sich an, dreht sich ein wenig hin und her und versucht, sich zu ergründen. Freilich kennt er sein Spiegelbild, oft genug hat er es gesehen, blickt es manchmal verstohlen an, wenn er die Straße hinunter geht und ein Schaufenster sieht, in dem er sich sehen kann.

Sieht sich und hört doch nicht die leise Stimme aus ihm sprechen, die fortwährend zu den anderen spricht. Die den anderen mitteilt, wer er ist, die ohne Unterlass plappert. Die Stimme, die er nicht verhindern kann.

Steht morgens am Kopierer, sieht, dass sie auf ihn zukommen, weiß, dass sie nur passieren werden, grüßt höflich und fragt sich, was die anderen in ihm sehen, wie er so wirkt? Sieht das höfliche Lächeln, erwidert es, so gut er kann. Wie es wohl so ist, ihn zu sehen?

Wie wohl die Wahrnehmung von jemand anderem ist, der vielleicht ein oder zwei Kopf kleiner ist, er ist sehr groß, wie sich für so jemanden der Blickwinkel verändert, zu ihm aufschauen und ihn grüßen zu müssen. Und so steht er da, das Papier des Kopierers gleitet ihm langsam in die Hände und er weiß nicht, wie er aussieht.
Wie er aussieht, in den Augen anderer.

Ahnt nicht einmal, was die Person, die gerade den Gang herunter auf ihn zu läuft, gerade denkt, weiß nicht, aus welcher Lebenswirklichkeit diese Person gerade kommt, hat nicht eine Idee, was in so jemandem vorgeht.

Er könnte fragen und auch da wird ihm klar, dass er es eigentlich nicht wissen will. Dass ihn andere Personen kaum interessieren, nicht so sehr, als dass er sie fragen würde, was in ihnen vorgeht.
Begreift den Sinn dahinter nicht, was es bedeuten könnte, wenn er es wüsste. Mit solchen Fragen ist es immer, wie ein Geschäft, dass auf ein Gegengeschäft wartet, man bekommt nichts, wenn man nicht auch bereit ist, etwas zu geben. Das behagt ihm nicht. So lässt er das.

Er hat einmal ein Buch gelesen, “die Fermate” von Nicholson Baker, die Geschichte von Einem, der entdeckt hat, dass er die Zeit anhalten kann, der dadurch aus der Wahrnehmung der anderen verschwinden kann und das fällt ihm jetzt ein. Wenn er dieser Jemand wäre, dann würde er sich jetzt die Adresse und den Schlüssel von einer anderen Person beschaffen, zu ihnen nach Hause eilen und, vollkommen ohne Risiko, das Leben von so jemanden ergründen, sich die kleinen Geheimnisse, die vermeintlich unentdeckbar zu Hause herumliegen zu Eigen machen und so einen kleinen Vorteil erlangen, sein Lächeln um ein klein wenig Wissen erweitern, wenn er sie grüßt, morgens am Kopierer. Würde vielleicht ein klein wenig dieser Welt der anderen verändern, nur ein wenig und dann versuchen, zu erkennen, ob sich deren Begrüßung ein wenig verändert, ob sich ein Schatten über das Lächeln legt.

Der Kopierer ist wieder still, er dreht sich um, geht weg, versucht so zu gehen, wie ihn sein Spiegelbild am besten aussehen lässt, versucht einen guten Eindruck zu machen. Geht in sein Büro, schließt die Türe hinter sich und ist wieder allein. Mit sich und seinen nie enden wollenden Gedanken.

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7 Gedanken zu “Wahrnehmungsableich – Der Spiegel

  1. Vielleicht wäre es, wenn Du jemanden heimlich ergründest und ihn dann überrascht vielleicht auch umgekehrt und Du würdest morgens am Kopierer ein Lächeln ernten.
    Doch das wäre davon abhängig, mit welchem ‚Geheimnis‘ das Du ausgespäht hast in Deiner Unsichtbarkeit, dem Menschen präsentierst.
    Niemand freut sich, wenn ein Fremder weiß, dass er gern vorm Badezimmerspiegel popelt oder so…
    Aber wenn ein Fremder am Kopierer sagte:
    ‚Ich glaube fest daran, dass ich den Tag beeinflussen kann mit der Farbe meiner Socken…‘
    Dann könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, falls der andere jeden Morgen mit seinen Socken orakelt.

    Also…eine sehr spannende Vorstellung, was da alles möglich wäre, wüsste man wie man wirkt auf andere oder warum die anderen sind wie sie sind.

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    • Vielleicht steckt dahinter nur der masochistische Wunsch, festzustellen, dass hinter der Fassade, die Manche aufgebaut haben, einfacht… nichts steckt, dass das, was sie sein wollen, alles ist, was sie sind, dass weitere Untersuchungen nichts Neues hervorbringen… Der Gedanke ist erschreckend…

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      • Da sagst Du etwas, das der zweite Gedanke ist;
        Was, wenn dahinter einfach nix ist?
        Oder nicht das, was Du erhoffst, Dir ivielleicht sogar gewünscht hast.
        Es gibt Tiere, die sind so fremdartig, so anders, dass sie mir unheimlich bleiben.
        Mit manchen Menschen ergeht mir das auch so.

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      • Ach, mit Tieren geht es mir eher selten so. Eine Kuh, ein Schwein, ein Lamm, wie schön, ungewöhnlich und bizarr, ein Mensch, selten sind sie bizarr, selten schön anzusehen. Zu viele Erbsen…..

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