Gefangen

Ein Spiegel, es ist ein Spiegel.
Ich schaue hindurch und da steht sie.

Sie hat mir den Rücken zugewandt. Wie so oft.
Verweigert mir Gespräch und Gesicht, Antlitz und Stimme.

Wie so oft missfällt ihr der Platz, der, an dem sie gefangen scheint.
Nie sagt sie mir, wohin sie geht, wenn sie aus dem Sichtfeld verschwindet.
Ist es nur eine Ecke, außerhalb des Rund? Ist da ein weiter Weg?
In einen anderen Raum, zu einem anderen Spiegel?
Sie verrät nichts. schweigt, ist abgekehrt.

Oft vergesse ich, dass sie überhaupt existiert, umso größer dann, das Erstaunen, die Freude, bei ihrer Wiederkehr.
Wenn sie mir nur ein wenig mehr von sich preisgeben würde.
Könnte ich ihr helfen, dem zu entkommen, wo sie gefangen scheint?
Würde ich es tun?
Zu welchem Preis?

Was hat sie gesehen, da auf der anderen Seite?
Manchmal glaube ich, dass sie mich auch wahrnimmt.
Was denkt sie über mich?
Ist alles vertauscht?

Bin ich der Gefangene, der Bedauernswerte?
Ist hier das Gefängnis, die Enge und dort bei ihr, der Ort, dem mein Streben gilt, die Zuflucht?
Verweigert sie mir ihr Gesicht, damit ich sie nicht lächeln sehe?
Dass die Wahrheit weiter im Verborgenen bleibt?
Bin ich der Gefangene?

Der Text wurde angeregt durch das wunderschöne Bild der großartigen Künstlerin Ute Schätzmüller.

nr. 212

Ein Gedanke zu “Gefangen

  1. was für ein eindrucksvoller, einfühlsamer Text zu diesem Bild! Er müßte eigentlich einem Ausstellungskatalog von Frau Schätzmüller beigesellt werden. Fast alle ihre Bilder sind poetisch und regen die Fantasie aufs Schönste an……, auch sie eine Neuentdeckung…

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