Nach 6971 Tagen war ich 19

Nach 6971 Tagen war ich 19.
In München.
Der Sommer mit dem Hagelsturm, der noch Jahre später Autos, die wie Golfbälle aussahen, herumfahren ließ.

Ich weiß noch, wie das Wasser binnen einer Minute die Strassen und dann die Gehwege überflutet hat.
Ich hab mich in der französischen Botschaft in Sicherheit gebracht, war mit dem Fahrrad unterwegs und hatte schnell blaue Flecken vom Hagel.

Wir haben in einem Verbindungshaus gelebt und uns geliebt.
In Bogenhausen, im Bonzenviertel, keine hundert Meter vom Ralph Siegel entfernt, der wohl schon damals mehr oder weniger panisch versucht hat, den einen großen Hit zu wiederholen.
Gesehen habe ich ihn nie, noch mehr zum Glück, auch nie gehört.

Im Haus, das spießige Burschenschaftsgehabe, merkwürdige Typen, merkwürdige Riten.
Musste immer durch das Treppenhaus, da gab es keinen Hintereingang, immer mitten durch.
Wir bewohnten die Hausmeisterwohnung unter dem Dach. Es war Sommer, es war heiß..
Wenn von unten die Marihuanaschwaden hochzogen wurde es richtig merkwürdig..
Don’t practice what you preach… Ein wenig Freiheit muss sein, gell, Jungs…

Im Café Freiheit an der Landshuter Allee hat der Herr Poeniz, Sänger von Zero Zero bedient. Da war ich gern, der Typ war ok, ich mochte seine Irrenanstalt und der Kaffee war gut.

Abends gings ins Café Größenwahn, mal wieder Haidhausen. Gelegentlich gab’s Live Musik, ansonsten Konserve. Punk, New Wave, NDW, keinen Schrott, mehr Marionetz, Intimspray (geiler Auftritt im Theatron, als Sprühdosen verkleidet….)
Clash haben ihr legendäres Konzert („weißt Du noch, der Typ im Publikum, mit den blauen Haaren?“) im Circus Krone gegeben, 3 Stunden für 16 Mark. Und hier war Qualität, nicht Quantität…

Spanish bombs, yo te quiero infinito
yo te acuerda oh mi corazón
Spanish bombs, yo te quiero infinito
yo te acuerda oh mi corazón

Die Neonbabies, angefressen, weil sie keiner hören wollte, waren Vorgruppe. Inga Humpe sang „Das Publikum ist scheisse“ zu den Klängen von „Ich steh‘ im Regen und warte auf nichts“ Danke, Zarah.

Ich hab mitgebuht, weil alle gebuht haben. So einfach war das damals…
Geiles Konzert.

Heute buh ich nicht mehr, heute bewundere ich sie so sehr, die 2raumwohnung, in der sie ihr musikalisches Leben lebt. Ein dickes „gefällt mir“ an ihren Sound und vermutlich ein Deichkind mäßiges „Like mich am Arsch“ von ihr zurück. Nur fair, nur fair…

Zurück in die Vergangenheit:

Später dann, viel später, tausend Tage später vielleicht.
Zeit verschwimmt so sehr, wenn man sich an sie zu erinnern versucht.
Später dann, Sisters of Mercy, Alien Sex Fiend, Killing Joke (Love like Blood, oh Fuck, das hab‘ ich rauf und runter gehört)
Mirage, Disco am Kosttor, Stevie spielt Yello, spielt B-52s, spielt die Sisters und ich schlurfe in schwarz und so breit, wie es nur geht, auf die Tanzfläche. Alles ist träge, alles verschwimmt. Es war so schön.

80iger-002

You need the Drugs – Westbam
Die 80iger, die Stimmung, der Clip, aus dem Film: B-Movie – Rockumentary – Noch nicht veröffentlicht, leider leider…

Nachtrag, Januar 2015:
Nun ist es bald soweit.
Der Film ist auf der Berlinale gelaufen, kam gut an, wie auch anders.
Ich freue mich auf ein authentisches Stimmungsbild aus der Zeit, in der ich erwachsen werden durfte.

https://www.facebook.com/lustandsoundinwestberlin?fref=nf

Danke, Jörg A. Hoppe.

11 Gedanken zu “Nach 6971 Tagen war ich 19

  1. Mir scheint, unser Musikgeschmack überschneidet sich stark.
    Habe The Clash damals auch gesehen und bin ein paar Tage mit ihnen mit gereist.
    Sisters, Alien Sex Fiend, The Cure. Damals gab es auch noch die Pogues.
    Und natürlich ganz in schwarz. Ehrensache.

    Gefällt 1 Person

  2. 1981 war ich aus Tirol nach München gekommen. Das Größenwahn war eines der wenigen Lokale, wo „man wirklich hingehen konnte“. Musik, Gäste und Atmosphäre, die man sich gewünscht hat. Als Bedienung fallen mir noch ein großer Typ mit großen Ohrringen ein und ein zweiter großer Mensch, eher verschlossen wirkend, aber mit einem wunderbarem Lächeln. Brunchen war zu dieser Zeit auch schön.

    Zur Zeit des Hagelsturms war ich in Wien an der Dechantlacke in der Lobau. Freunde aus Tirol treffen, die an der Angewandten in Wien studierten. Ein bisschen nackt herum planschen und Spaß haben. Mit dabei eine Freundin aus München, die unterm Dach wohnte, und deren sämtlichen Fenster zu Bruch gingen. Was aber die Freude über den schönen Tag nicht mindern konnte.

    Gefällt 1 Person

    • Danke fürs Lesen und Teilen der Erinnerungen.
      Those were the days.
      Das ist ein wenig wie das Sinnieren über den Typen mit den blauen Haaren, der damals auf dem Clash Konzert war. „Weißt Du noch? Der Typ?“

      Manches wird nie vergessen.
      Genau dafür war die Zeit da.
      Wird sie immer sein.

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