Fragmente – Hamsterrad

und da war sie jetzt, die Frage nach dem Rahmen.
Er saß da, es war früh am morgen, saß am Tisch, hat aus dem Fenster hinaus gesehen, sah die Autos, drei Autos, drei Menschen, drei Geschichten.

Hat ihnen hinterher geblickt, dachte daran, dass es an der Zeit wäre, sich ihnen anzuschließen.
Beschloss, es noch ein wenig zu vertrödeln. Wollte nicht.
Dachte darüber nach, ließ den Gedanken einziehen, dass er dem, was er tun musste, so meinte er, nicht gewachsen war.
Trank einen kleinen Schluck Kaffee.
Besann sich an das “progress, not perfection”, dass er gestern in einem Film, den er sich, um die Zeit zwischen Nachmittag und Abend zu füllen, angesehen hatte, dachte an die Worte und begann mit dem Versuch, sich davon zu überzeugen, dass es eben um Fortschritt ging und den konnte er leisten, in kleinen Schritten, immer nur kleinen Schritten.
Dumm dabei war, dass er kaum sichtbare Fußabdrücke hinterließ, diese wurden von dem stetigen Fluss kleiner und großer Aufgaben, die nicht versiegen wollend strömten, verwischt, verwaschen, überlagert.
So gab es nichts, auf das er zurück blicken konnte. Ein Möbiusband.
Er sah den Hamster, vielleicht auf der Flucht, möglich auch, dass er nur dem Drang zu Laufen nachgab, trippelnd, auf der Stelle.
Das war er, ausgebremst, auf der Stelle verharrend, mit den Füßen scharrend, richtungslos.
Er nahm den Tag, unterteilte ihn in kleine Scheiben, nahm die, in denen er produktiv sein sollte heraus, ersetzte sie, durch, auf den Bildschirm starren, würfelte sie durcheinander.
Die kleinen Reste der Produktivität waren der kleine Schubs, den er dem Laufrad gab, das, scheinbar gut geschmiert, dann wieder einige Zeit lief.

Er saß am Tisch, sah aus dem Fenster, der Morgen, fortgeschritten, das Licht nun heller, voller an Farbe. Sah Wagen um Wagen in weiter Entfernung vorbei eilen. Hin und her, immer andere, immer andere Menschen darin, dachte an deren Geschichten, dachte daran, wie sie es wohl wahrnahmen, das Nichts, dass sie vor sich herschieben würden.
Mit welchen Gedanken und Tun sie es wohl verwischen würden, wie ihre Rechtfertigung für das kleine Hamsterrad wohl ausfallen würde.

Saß da, trank einen weiteren Schluck, des mittlerweile erkalteten Kaffees und kramte in sich herum, auf der Suche nach der einen Geschichte.
Er hatte so viele Geschichten gelesen, gesehen, von anderen gehört, dass seine eigene keine Rolle mehr spielte.
Er würde sie gerne aufschreiben, sie groß machen, größer als er selbst jemals sein konnte, beneidete die Schreiberlinge, denen es gelang, ihre Figuren in traumwandlerischer Sicherheit an dem Faden ihrer Erzählung entlang zu führen.
Fragte sich, ob Alkoholismus, Drogensucht, ein Tumor vielleicht, helfen würden. Welches Leid er wohl an sich erfahren müsste, um die eine Geschichte aus ihm selbst heraus zu holen.
Was es sein müsste.
Er hat immer die anderen stürzen, fallen, stolpern gesehen, war Zaungast, vielleicht mal jemand, der den Arm ausstreckte, sich vorbeugte, im Versuch, den Fall zu bremsen, dabei nie die eigene sichere Position aufgebend.
Früher, in einer Stimmung der Langeweile hat er mal einen Kurs belegt, in dem es um Leben retten ging, als Rettungsschwimmer.
Alles dazu war ihm entfallen, alles, bis auf den Satz, dass man sie, die Opfer, erst untergehen lassen solle, bevor man mit der Rettung beginnen kann. Dass sie erst kraftlos hinabsinken müssen, damit sie gerettet werden können.
Das hat er beherzigt, sein Leben lang, nur, dass die Opfer meistens vorher von anderen gerettet wurden oder unrettbar tief hinabgesunken waren.
Und so war seine Bilanz Null. Die, die krepiert sind, mal nicht mitgezählt.
Negativbilanz also. Wegen eines Satzes, der es so bequem für ihn gemacht hat, den er gut fand, der, einem Leitmotiv gleich sein Begleiter war.

Ende des Fragments.

brazil

11 Gedanken zu “Fragmente – Hamsterrad

  1. Da Du mehr Reaktionen eingeklagt hast, in den letzten Tagen: für mich ist das ein gut gemachter, distanzierter, fast kühler Text. Einer der funktioniert, weil er hineinzieht. Undramatisch leitet. So ein Becherlupen-Ding. Der Schlüsselsatz, der das Ganze gut bricht: „Fragte sich, ob Alkoholismus, Drogensucht, ein Tumor vielleicht, helfen würden.“ Der bewegt emotional viel und ist gut plaziert vor einer überraschenden Wende zum Schluß, die – anders als der allzu oft gelesene Hamster-Vergleich – ein sehr intensives, bleibendes Bild anbietet, das wirkt. Gefällt mir gut.

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    • Vielen Dank. Von Herzen für die fein gewählten Worte. Wie so oft war es eines dieser 15 Minuten Dinger, die im Fluss entstanden, im Versuch, den Strom der Gedanken und Wahrnehmungen zu bändigen. So schnell vorbei, wie sie kamen. Danke.

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      • Ja, das ist so ein wenig das Problem. Wenn man einen Text schreiben möchte der bleibt, dann sollte er zu allererst einmal bei einem selbst „bleiben“. Im Sinne von vertraut sein, im Guten oder Schlechten, das ist mMn nicht ausschlaggebend, aber es muss der eigene Text werden, er muss einem deutlich an den Arsch wachsen, ein Lieblingskind werden, ein Freund, ein Feind, aber eben etwas mit Bestand. Vielleicht weil er das dann nach außen spiegelt. Meine Meinung, muss nicht für jeden gelten.

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      • Ein wenig liegt der Reiz auch darin, sich von sich selbst weg zu bewegen.
        Ich versuche das in den Fictionstories, die ich ab und an verfasse. Mit mehr oder eben zumeist weniger Erfolg, den ich daran bemesse, wie der Text sich für mich anfühlt. Irgendwie ist er, na sagen wir mal, fertig, dann aber auch nicht.
        Je näher ich die Klinge an die Ader setze, das Blut in Kauf nehme, desto, Achtung, das liest sich nicht nur masochistisch, besser fühlt es sich an, weil ja im sich schlecht fühlen, in dem Schmerz auch Kraft und eben auch Befriedigung liegt. Das erinnert mich jetzt an https://foodandwineporn.de/2014/05/20/uber-den-preis-von-geschichten/
        Darüber habe ich mal geschrieben….

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      • hm, ich erinnere mich gut.
        Klar liegt der Reiz und die Herausforderung darin, sich von sich selbst inhaltlich wegzubewegen. Ich meinte damit auch eher die Arbeit daran, als der Protagonist darin 😀

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  2. So, bei so einer Geschichte geht der Tag schon gut los. Da will ich am liebsten gleich wieder ins Bett gehen und die Realität ausblenden. Denn Deine Beschreibungen erinnern mich an grauen Alltag. Ein Glas, dass noch nicht einmal halb leer ist. Etwas was viele jeden Tag erleben. Nicht mehr und nicht weniger.

    Das ist für mich ein Therapieeintrag. Man schreibt sich den Scheiss von der Seele und hofft, dass es besser wird. Manchmal hilft es und manchmal nicht. Ich hoffe es hilft.

    Zum Stil werde ich mich nicht äußern, da mir die Expertise fehlt.

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