No one here gets out alive

Irgendwann kommt dieser Punkt, an dem, zumindest biologisch und, es steht zu befürchten, auch mathematisch, der Scheitelpunkt, die eigene Halbwertszeit, überschritten ist und das Maß der zur Verfügung stehenden Zeit abnimmt.

Bei dem einen rapide, wenn er gegen eine Leitplanke knallt und sich in die Zeit nach seinem Leben verabschiedet, bei dem anderen, wenn er morgens aufwacht, auf die 50 zugeht und ahnt, dass der Scheitelpunkt schon einige Zeit hinter ihm liegt.
Sprich, mehr Zeit ist vergangen, als noch verbleibt.
Das klingt ein wenig dramatisch, wird jedoch durch das Nichtwissen, wie viel Zeit es denn noch ist, ein wenig abgemildert. Die meisten reagieren zumindest so auf diese Feststellung, dass man es eben nicht wissen könne, ob es nun 12 Minuten oder 25 Jahre sind, die noch verbleiben.
Bei 12 Minuten würde es, wüsste man davon, ziemlich hektisch werden und ich denke jetzt nicht an die Kandidaten in den Zellen, aus denen, dank ausgeklügelter, vollbeamteter Prozesse wirklich kaum einer lebendig rauskommt, ich denke mehr an den Dich oder mich; was das mit einem machen würde, wenn wir unser Ablaufdatum kennen würden und das dann eben keine freundliche Empfehlung ihres Nahrungsmittelsherstellers ist, sondern blanke, klare Tatsache. Um 17:29 am 6.3. ist Schluss, basta.
Und jetzt sind es dann zwar etwas mehr als 12 Minuten, wofür würde es denn noch langen?
Trip nach Samoa? Streich es, der nächste Flug geht am Mittwoch, dauert über 30 Stunden und du schaffst es vielleicht mit Ach und Krach noch aus dem Flieger ins stickige Flughafengebäude, bevor du umkippst.
OK, dann zu Hause bleiben. Nicht sehr verlockend, da wurde schon zu viel prokrastiniert, das scheint nicht sinnvoll, wirkt wie Verschwendung.
Raus also, noch schnell alle besuchen. Mach eine Liste, streich’ die weg, die dir nicht ganz so lieb und zu weit weg sind. Das schmerzt dann, die, die übrig bleiben und dir wichtig sind, sind arg wenige und willst Du mit denen bis Freitag Nachmittag durch saufen?
Das ginge vielleicht, aber das wären dann nicht die richtigen für Durchvögeln. Das wiederum ist doof, ein wenig Spaß zum Ausklang, aber bitte Spaß mit Herz und, jetzt wird es kompliziert; fürs Herz ist grad niemand da, hat sich niemand gefunden und das tut jetzt schon spürbar weh.
Saufen kannst du auch alleine, das mit dem Sex wird alleine deprimierend und mal ehrlich, das Saufen auch.
Also keines davon. Ein paar kleine und größere Explosionen in Kopf und Unterleib wären zwar ziemlich gut gewesen, aber dann eben nicht.
Beten, das ist auch noch eine Option, so die Art von geistiger Vorbereitung, die aus dem Ableben ein Ritual macht und dich mit aufgeschlossenem Geist, ein schönes Wortspiel, aus dem Leben treten lässt.
Mal ehrlich, so nicht. Wozu ein Leben lang den Agnostiker schwingen und in den letzten Momenten davon abweichen? Abrechnen, du könntest abrechnen, mit den Schuldigen und, das steht zu befürchten, auch mit ein paar Unschuldigen. Schrot streut so hässlich. Schon ist der Gedanke wieder verkümmert, das also auch nicht. Wie wäre es, wenn Du den Freitag nachmittag vorziehst? Wenn du es selbst in die Hand nimmst? Das kannst Du doch recht gut und hast Du nicht immer größten Wert darauf gelegt. als egozentrisch Selbstbestimmter durch die Welt zu laufen? Da ist es doch nur angemessen, dass Du dir dein Ende nicht aus der Hand nehmen lässt, oder?
Und denk daran, üben kannst Du nicht, Du hast einen Versuch und der sollte, ja, was, der sollte irgendwie spektakulär, zumindest nicht erbärmlich, originell und deine Persönlichkeit widerspiegeln. Du hast noch knappe 5 Tage, beeilen solltest Du dich auch, es macht ja keinen Sinn, wenn jeder weiß, dass es Freitag nachmittag so weit ist und Du am Vormittag des selben Tages in grandioser Eigenleistung deine Selbstbestimmung zelebrierst, etwas mehr Distanz zum finalen Datum sollte schon sein. Das wird also ein Problem, inszenieren, das schaffst Du nicht bis, sagen wir mal, heute mittag. Gestrichen. Da hättest Du mal früher dran denken sollen.
Helfen. Du könntest jemandem helfen. Ein Wildfremder sollte es jetzt nicht gerade sein, der nimmt die Hilfe, geht und hat dich bald vergessen. Das mit den Freunden hast Du ja schon durchkalkuliert, so viele sind es nicht und eigentlich hast Du auch keine Ahnung, wie da eine Hilfe aussehen müsste. Das braucht Zeit, dass zu ermitteln und Zeit, naja, so viel bleibt Dir nicht mehr.
Das alles, die Überlegungen hier, die ziehen dich jetzt aber ordentlich runter. Kein Wunder. Als Bilanz macht das jetzt nicht so viel her und leider, zum Beschönigen mangelt es Dir an Zeit.
Ein faustischer Handel? Der Vertragspartner, Du findest ihn nicht und was, bitte schön, hast Du zu bieten? Andernorts hast Du über eine Servicestelle für verpasste Gelegenheiten http://candybukowski.com/2014/05/18/die-servicestelle-fur-verpasste-gelegenheiten/ gelesen, ein schöner Gedanke, zurückspulen und an einer bestimmten Stelle weiter machen, besser machen, es sich anders entwickeln lassen, hoffen, dass die Erfahrung, die Du heute auf deinem Konto hast, mit ins Damals genommen werden kann, so dass Du es in der Hand hast, es anders zu machen. Dummerweise geht Dir die Währung aus, denn dieser Trip wird mit Lebenszeit bezahlt und mit dem kläglichen Restguthaben auf deinem Konto schaffst Du es bestenfalls ein paar Tage zurück. Dispo wird nicht gewährt und mal ehrlich, Du hast immer überzogen, die Chance hast Du dir vor Ewigkeiten geraubt.
Und jetzt fühlst Du dich schlecht, zum einen, weil Du die Geschichte hier nicht Ende zu bekommst und weil Du es ganz hinten in Dir leise flüstern hörst, dass Du auch deine Geschichte nicht ordentlich zu Ende bekommen wirst. Das tut jetzt ein wenig weh. Immer schön klein reden. Genau, nur ein wenig.

er lauert

12 Gedanken zu “No one here gets out alive

  1. Erfrischende Formulierungen, ich musste gerade sehr schmunzeln, danke 🙂
    Mit dem 5 Tages-Countdown habe ich logischer Weise keine Erfahrung, aber bekanntlich durfte ich ja mal die überraschende „Mist, wenn es ganz dumm läuft, dann könnte Dein Körper sich in den nächsten Sekunden/Minuten/Stunden einfach abschalten“- Variante genießen.
    Als normaler Mensch ohne buddhistische Gelassenheit, sind das ganz einfach die stillsten, einsamsten und klarsten Momente eines ganzen Lebens. Man tut sich ein bißchen zu sehr leid, hadert leise mit der unglaublichen Banalität seiner Existenz und wünscht sich nur die ein, zwei wenigen, wirklich geliebten Menschen an die Seite, denen die blöde Sache mit dem Tschüss, langfristig echten Verlust bringen würden. Alle anderen Ideen verblassen umgehend im Nichts. Gescheiter wird man aber trotzdem nicht dadurch. Nur ein weniger geerdeter gegenüber den Dingen und Dramen. 😀

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    • Ja, das mit den in den text eingeflossenen Erfahrungen ist so eine Sache. Die sind bei mir auch eher theoretischer Natur. Das Wort „Mist“ lag mir während des Schreibens mehrfach auf der Zunge, ich habe es jedesmal verworfen, es einfließen zu lassen. Die Wahrnehmung über die Endlichkeit hat wohl jeder schon auf die ein oder andere Art gemacht. Stephen King hat das als den Polizeimann, der Verwarnungen ausschreibt, Verfehlungen und Hochmut sofort bestraft, beschrieben (aus „über Dinge, die 19 sind“, Vorwort „der dunkle Turm“) Sehr treffend. Ich nehme den Text und den geistigen Prozess ehrlich gesagt auch nicht als Anlass, irgend etwas zu ändern. Naja.. hm… nein.

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  2. Sehr gut. Ich habe das auch einmal durchdacht und kam auch zu keinem befriedigenden Ergebnis. Daher will ich nicht wissen wie lange ich noch habe.

    Wahrscheinlich würde ich mich auch so verhalten wie Candy es kommentiert hat und wollte es doch nicht, da ich mir diese letzte Zeit sehr traurig vorstelle.

    Der entscheidende Unterschied ist wahrscheinlich ob die Lage ernst aber nicht hoffnungslos ist oder ob wirklich das Ende fest steht.

    Was für schöne Gedanken am Montag morgen

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  3. Diese Geschichte haben Sie aber ordentlich zu Ende bekommen, lieber Herr Faktoid. Die Leiseraunstimme flüstert wohl in jedem, wichtig ist doch, wieviel Gewicht man ihr beimißt. Und warum nicht in den letzten Stunden einem Wildfremden helfen? Das kann tiefere Spuren hinterlassen, als wir ahnen.
    Ich hatte ja schon viele Bilder in meinen Kaffeschaume, ein Bleichschädel war noch nie dabei. Faszinierend.
    Herzliche Grüße in den Montag, Ihre Frau Knobloch.

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  4. So beginnt die Woche doch leicht, beschwingt und mit einem Lächeln auf den Lippen. 🙂

    Was wäre wenn, was würde man machen, wenn man wüsste, wann das Leben zu Ende ist.

    Und anhand Deiner Gedanken hast Du wunderbar herbeigeführt, dass es einen Grund gibt, warum Mensch das nicht weiß 🙂

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    • Aber lustig wäre es schon, sagen wir , die Erkenntnis mal vorübergehend verfügbar zu machen und einzuspeisen und zu beobachten, wie es rund geht, auf was für Ideen die einzelnen kommen werden. Lustig, ok, vielleicht nicht ganz der richtige Begriff.. wobei…

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      • Oder – die ganze Welt verfällt in Selbstmitleid und Schockstarre… 🙂
        Und wenn man, wie ich, Final Destination Teil 1 bis weissnichtmehr geschaut hat, weiss man, dass die Menschheit IMMER versuchen würde, dem Tod von der Schippe zu springen und am Ende fährt keiner mehr Achterbahn, besucht keine Sonnenstudios, geht nicht mehr Baden und kauft keine Mikrowellen mehr… Wah! 🙂

        Aber mal im Ernst: Würdest Du es wirklich wissen wollen, wenn es ginge?

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  5. Wenn ich wüsste, dass es nur noch ein paar Tage sind, würde ich den ganzen Tag rauchen und Sahnetorte essen. Nein, Grillhähnchen. Oder beides. Und ich würde es mit teurem Wein runterspülen, dem vom Getränkemarkt, bei dem ich mich immer frage, wer so viel Geld ausgibt für Wein. Dann wärs mir hoffentlich egal, dass ich zu den andern herrlich von dir aufgelisteten Ansätzen nicht mehr komme. 😉

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