Mogelpackung

Terrasse am Morgen,
ein Kaffee, etwas zum Schreiben und ein kleines Thema.
Die Schwebfliege, die gelb schwarz, gefährlicher aussehend, als sie ist, vorbei, ja was? Schwebt? Fliegt? Naja, ein schmerzloser Abstecher vielleicht, ein Vorbeischauen, wobei, ob sie mich überhaupt wahrnimmt, wir beide haben nichts miteinander, ich bin bestenfalls eine Masse in ihrem Weg, so etwas in der Art.
Sie gerät in mein Blickfeld, ich formuliere es mal so, das ist eine sichere Feststellung.
Schwebt über dem weißen Fremdkörper, den sie nicht einordnen kann, dem Laptop. Beschließt, den Flug, das Schweben zu unterbrechen und landet auf der esc Taste, ganz außen links, bereit zur Flucht, stets bereit.
Das sehe ich und das gefällt mir.
Sie sitzt da und stempelt versuchsweise mit ihrem Mund-Werkzeug die Tastenfläche ab, sucht nach Essbarem, findet vermutlich Hautschuppen, Haarreste, ich mag nicht so genau darüber nachdenken.
Ich betrachte sie, die kleine hübsche Fliege, beobachte ihre Aktivitäten.
Nähere meinen Finger an sie an, beobachte ihr Zurückweichen, sie steigt auf, schwebt über den Tasten und mein Finger wagt eine weitere Annäherung, sie reagiert darauf und schwebt rückwärts, ohne Hektik, das, was sich ihr da nähert, scheint nicht so direkt ins klassische Feinbild zu passen, eher ein rosa Ast, der in ihren Weg gewachsen ist oder so etwas.

Ich mag das Spiel.
So viel Leben und Intelligenz in so einem kleinen Körper. Die Augen registrieren, die Flügel korrigieren die Flugbahn, passen sich dem Objekt an, fliegen Ausweichbahnen, höher, tiefer, links, rechts, auf und ab, die kleine Fliege beherrscht ihr Element. Ganz und gar.
Und tritt ab, wendet sich dem Rest des Gartens, dem großen Grün zu, lebt ihr Leben, endet, so hoffe ich, nicht im nächsten Spinnennetz, bitte nicht im Schnabel eines Vogels.
Lebt ihr kleines Leben.

In anderen Welten, kleiner, so viel kleiner als die meine, herrscht ewiger Krieg, ewige Flucht, fortwährende Angst um die eigene kleine Existenz.
Ein Netz, Kieferzangen, ein Stachel, ein Schnabel, Große jagen Kleine und sind dann irgendwann doch Nahrung, Brutstätte, Nistmaterial für viele Kleine.
Irgendwie beschämend, ich bin niemandes Beute, töte ohne selbst Jäger zu sein, ohne Gedanke darum, bediene mich derer, die Leben, ohne selbst Teil dieses Kreislaufs zu sein.
Ich darf nicht einmal Kompost sein, auf dem Grünes wächst, kein Platz für Larven sein. Ich bin nicht Teil der großen Gleichung.
Morgens um acht, der Tag ist gelaufen. Ich bin nur eine Mogelpackung, mit falschem Inhalt, irreführenden Versprechungen, Lug und Trug.
Mahlzeit. Darauf noch einen Kaffee…

12 Gedanken zu “Mogelpackung

  1. Ein wunderbarer Text. Schwebfliegen sind faszinierende Flugkünstler. Scheinbar reglos stehen sie in der Luft, nur die Flügel flirren. Die bionische Vorlage für Hubschrauber? Ein kleines Leben, nur seinem Erhalt und dem Überleben dienend? Diese Frage stelle ich mir oft. Können sie fühlen, Freude empfinden am bloßen Dasein? Wenn ich sie bewegungslos auf einer Blüte sehe, einfach nur herumsitzend, möchte ich gern glauben, dass es so wäre, selbst wenn ihre zeitweise Unachtsamkeit sie zu einem Opfer werden lassen könnte. Doch ginge die Schwebfliege nur vom Worst Case aus, wäre sie wohl auf Dauerlauer und hätte diese Ruhe nicht.
    Liebe Grüße✨

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    • Ich grüße gern zurück. Die Frage ist jedoch, was es ist, dass das eigene Leben bestimmt? Das banale „Haben wollen“, arbeiten, Urlaub, Junk Food, Feinkost, Wasser, Wein? Zu nichtig, das genügt nicht. Festzustellen, dass die kleine Fliege mehr vom Leben an sich versteht, als man selbst, zeigt klare Grenzen auf. Grenzen, an denen der Verstand zerbrechen kann.

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      • Nicht zerbrechen…lernen, oder? Wie war das als Kind? Einfach auf einer Wiese zu liegen, schmerzlos, wohlfühlend und den Moment zu genießen? Die Sonne auf der Haut, träumen…
        Das Habenwollen wird doch durch eine ganze Industrie suggeriert.
        Sich beherrschen lassen von ihr?
        Never!
        Schlimm genug, dass so viel Zeit verlorengeht durch das Arbeiten, um essen zu können.
        Doch gut, wenn Zeitfenster möglich sind, in denen der ganze Kommerzmoloch ausgeklammert werden kann…
        Oder…?

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      • Und was ist es, was wir tun können? Kunst, Musik, Schreiben, tanzen (sinnlos, außer vor Katzen)?
        Alles nur Ablenkung…
        Ich schaue mir „Walking Dead“ an, genieße die Zombie Apokalypse, mag den Gedanken der dauernden Gefahr um Leib und Leben und dann wird mir klar, dass alles was da geschieht, was es auf das Wesentliche reduzieren würde, doch wieder nur die verzweifelte Suche nach Normalität, kleinem Spießbürgertum und Eigenheim ist.
        Da wäre die Gelegenheit, das nackte Überleben in den Vordergrund zu stellen und wieder ist es nur das kleine Heimwerkeruniversum, der Wunsch nach Beständigkeit, der diese Geschichte vorantreibt…
        Das ist es also?
        Selbst Cormac McCarthy, Autor von The Road schreibt und so gut schreibt er, aber worüber? Die Suche nach einem Heim, einem Ort, an dem Frieden ist.
        Reduziert auf das Geringstmögliche, aber dann doch nur Freude bei einer Dose Pfirsiche… Das ist beschämend. Für das ganze Leben an sich beschämend.
        Dafür lebt man doch nicht.

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      • The Road von CormackMcCarthy ist grandios! Und was schwingt zwischen den Zeilen in dieser apokalyptischen Welt? Die Sehnsucht nach Fischen in Bächen, nach Grün…nach Frieden, anderen Menschen, ja. Kann Abenteuer nur im Kampf ums Überleben zu finden sein? Ist der Tanz vor einer so klasse Freundin wie Deiner Katze sinnlos? Hm…
        das empfinde ich vielleicht anders…
        Zu tanzen, egal wie, vor wem, mit wem oder allein…ist die Freude an der Bewegung schlechthin. Die Freude, Musik hören zu können und einen Körper sein eigen zu nennen, der danach tanzen kann, weil er gesund genug ist. Doch ich erlebte auch schon Schwerstkranke, die Musik begrüßten, auch wenn sie nur noch mit dem Kopf danach wackeln konnten. Schreiben zu können, Worte zu finden oder malen können…eine Gabe, ein Geschenk, das nicht jedem gegeben ist. Ablenkung von der Einsamkeit sich wiederholenden Alleinseins, oder von der Arbeit? Sicherlich auch…doch eine Gnade. Dass es tolle Filme gibt …klasse! Ich habe viele Superfilme gesehen. Den nächsten, den ich mir anschauen werde, ist ‚Das dunkle Gen‘. Weil ich lernen will, immer weiterlernen und ja…auch dieses kleine Leben, diese belanglose Pseudoexistenz, genießen können, solange ich es darf…es mir vergönnt ist…auf ein unwichtiges Wesentliches reduziert in der Zeit, die mir kleiner Spießbürgerin in meinem Heimwerkeruniversum (das ist klasse!😉)dafür noch bleibt….doch wenn ich schon nicht groß und herrlich sein kann und irgendwie wichtig weltbewegend…dann doch eine, die am Ende sagen kann: ich habe viel und gern und intensiv gelacht, gelebt, geliebt und genossen, wann immer es mir möglich war…von meiner Lebensfreude gab ich anderen so viel wie nur möglich ab…das finde ich auch wichtig…Berührungen…teilen…Verbundenheit…zeigen…
        Ohne Scham.

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  2. Dieser Text berührt mich, diese liebevolleBeobachtung der kleinen Schwebfliege. Am interessantesten ist der letzte Absatz, darüber denkt man selten nach: Ja, in anderen Welten herrscht ewiger Krieg, ewige Flucht. Aber fortwährende Angst würde ich Insekten und anderen Kleintieren nicht zutrauen. Das wäre zu komplex für ein so kleines Hirn, darin gibt es wohl „nur“ Instinkte.
    Aber wie kommst du darauf, dass du nicht einmal Kompost sein darfst, auf dem Grünes wächst? Abwarten, mein Lieber. Du wirst noch zu einer Menge Kompost werden, oder wenigstens zu einem Häuflein Asche, die den Boden düngt, damit Pflanzen darauf wachsen können, auf denen sich einst eine Schwebefliege niederlässt. Du bist sehr wohl Teil der großen Gleichung. Wie wir alle.

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    • Der Schwebfliege muss man sich respektvoll und staunend nähern… Die Komplexität ihres Seins, das kunstvolle Fliegen, sie macht mich ehrfürchtig. Kein Computer dieser Welt vermag es, das, was sie so nebenbei vollführt, wie sie mit ihrer Umwelt interagiert auch nur annähernd so zu simulieren, gleich wie komplex das Rechenmodell ist. Dieses kleine Hirn, bei dem so manches wohl auf Instinkt, sprich fest verdrahtetes, zurückgeht, dieses kleine Hirn ist noch immer fähiger als jede menschliche Leistung, die wir bisher hervorgebracht haben, in dem Bestreben das Sein zu simulieren. Das beruhigt mich ungemein..
      Danke fürs Lesen.

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      • Naja Drohnen sind schon eine ähnliche Leistung des Menschen, wenn auch nicht immer in friedlichen Auftrag. Jedes Lebewesen ist in sich perfekt, nur beim Zusammenspiel mit anderen hapert es zum Teil. Jedenfalls spürt man in deinem Text deine Achtung vor dem kleinen Tier, und das hat mich angerührt. 🙂

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