Wunderbar

D. und ich waren damals in den frühen 90igern gute Freunde.
Tingelten durch die Bars und Kneipen.
Trieben ein paar mal die Woche das notwendige Kleingeld auf und legten los. Ich kann mir es bis heute nicht erklären, wo das Geld herkam. Es müssen Unmengen gewesen sein.

Wir haben uns in der Berufsschule kennen gelernt, wir waren die beiden ältesten und obendrein hatten wir keine Lust auf die anderen, jüngeren. Also hingen wir gemeinsam ab.

Wir waren beide Spätzünder, von der Art, dass wir erst mit rund 20 eine Ausbildung begonnen hatten, teils weil wir zu faul waren, teils, weil es Wichtigeres gab.
Und davon eine ganze Menge.

Wir hatten eine feste Runde, wenn wir loszogen.
Trafen uns im Café Wiener Platz in Haidhausen an der Bar, am späteren Nachmittag oder frühen Abend, je nach dem, und tranken Kaffee, in Vorfreude auf den kommenden Abend.

Hardy Krüger Junior, dem man später in harmlosen Rollen im Fernsehen zuschauen konnte, servierte damals im Wiener Platz.
Ich hab‘ ihn sympathisch in Erinnerung, immer Zeit für ein paar nette Worte und außerdem Respekt, der Kerl sah gut aus und, das musste man anerkennen, dafür war er angenehm bodenständig.

Vom Kaffee zum Cidre in 40 Metern, die Innere Wiener runter zu Bernard et Bernard, einer kleinen Crêperie.
Brechend voll, dennoch immer zwei Plätze frei.
Traditionell quetschte man sich noch irgendwie auf den Bänken, die die Tische auf drei Seiten umfassten dazu.
Und es passte immer.
Ein Krug Cidre, ein Crêpes, ein bisschen Blödsinn mit den anderen Gästen am Tisch, mit den immer gut gelaunten Kellnern. Noch ein Krug und dann weiter, Richtung Innenstadt, Richtung Isartor, Richtung Wunderbar.

Die Wunderbar, das war mein Paradies und meine Nemesis. Je nach dem, ob ich gerade kam oder später, die endlos steile, schon beinahe nach hinten kippende Treppe wieder raufkroch.
Irgendwann meinte mal eine der Barkeeperinnen zu uns »heute füll ich euch ab…« Lächerlich, das tat sie jedes Mal wenn wir da waren, ohne Ansage.
Es waren schöne Abende, die wir dort verbrachten. Ich habe heute noch ein paar Tapes, die mir der DJ zugesteckt hat, die er für mich aufgenommen hat, während des Abends.
Der Trick war, dass die Musik nicht im Vordergrund stand. Man wollte trinken und nicht tanzen. Deshalb konnte in der Wunderbar auch alles gespielt werden.
Man kam rein und hörte Europa Hörspielplatten mit Lederstrumpf, gesprochen von der sonoren Stimme von Helmut Lange, man kam rein und feinster RnB und Soul aus den frühen 70igern spielte, man kam rein und Robert Mitchum sang Calypso Lieder „If you want to be happy for the rest of your life, better make an ugly woman your wife“… Der Robert…

In der Wunderbar standen Vierertische und wenn es voll war, setzte man sich an die beiden freien Plätze mit dazu.
D. und ich setzten uns zu einem Pärchen.
Grinsten uns an, weil wir ziemlich schnell merkten was da lief.
Nämlich gar nichts mehr.
Das war eins von diesen „Es ist schon lang aus, aber einer der beiden (in dem Fall ER) hat es noch nicht gecheckt Dingern.

SIE sah uns hilfesuchend an, wir tranken, prosteten ihnen neutral zu.
Neutral waren wir natürlich nicht, das Mädel tat uns leid, solange ER noch am Tisch war ging nichts, konnte man da nichts machen.
ER stand auf, ging vermutlich aufs Klo.
SIE sah erleichtert aus.
Ich meinte zu ihr »komm, schieß ihn ab, was willst Du mit dem?«
Nur, um es klar zu machen, uns, mir, ging es nicht darum, jemanden zu erobern. Wir waren da um zu trinken, um die anderen zu beobachten. Wir waren da für einen guten Abend.

»Er hat den Einschlag nicht gehört, der will es nicht wahr haben…« meinte SIE und war unglücklich.
Wir lachten, nicht über Sie, sondern weil der Typ so dämlich war, weil er es nicht begriff.
Wir hatten das in wenigen Augenblicken erfasst, der Typ hatte die Scheuklappen auf. Wollte das Aus nicht wie ein Mann nehmen.

Ich ließ sie wissen, dass es wohl ihr Job wäre, die Initiative zu ergreifen, dass sie es zu Ende bringen müsste und am besten gleich.
Der Typ kam wieder, hatte von dem Gespräch nichts mitbekommen. Sollte er aber gleich.

Wir drei, Verbündete, die wir jetzt waren, sahen uns an und prusteten los, lachten, tranken, ignorierten den Typen.
Jetzt war es auch ihm klar, jetzt schaffte sogar er das Eins und Eins, packte seinen Kram, fluchte und ging.

Wir tranken weiter, machten Blödsinn, feierten die Erleichterung und sonst: Nichts…

Wir, D. und ich, hatten dort schon alles, was wir brauchten. Andere waren nur kurze Wegbegleiter.

So war das in der Wunderbar, man kam, begegnete sich, trank und ging wieder. Versuchten es zumindest, versuchten, die Treppen wieder hoch zu kommen.

Wir trieben uns dort einige Jahre herum, erweiterten später die Tour noch um den nachmitternächtlichen Trip zum Nachtcafé. Hörten dort noch ein wenig Livemusik, tranken, aßen eine Kleinigkeit und fuhren dann gegen drei mit dem Taxi nach Hause, um, zu früh um 8, wieder in der Berufsschule oder an unserem Arbeitsplatz zu sitzen, in Vorfreude auf den nächsten Abend, in der Wunderbar…

So wie D. aus meinem Leben verschwunden ist, das schreibe ich nicht ohne bedauern, D., wenn Du das liest, geb Dir nen Ruck, so ging die Zeit in der Wunderbar zu Ende.
Das Personal wechselte, das Motto wechselte, plötzlich war der Laden von Kindern überlaufen, so wechselten wir uns irgendwann aus, überließen das Feld anderen. Zogen weiter.

never drink alone

6 Gedanken zu “Wunderbar

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