Die Zimmerpflanze

Als sie noch ein Paar waren, da gab es diese unsägliche Zimmerpflanze, die sie aus einem Akt von Mitleid und ob ihrer Hässlichkeit wegen am Leben erhielten, gerade zu liebevoll das Ding mit den wenigen verbliebenen Blättern umsorgten.
Es war der unausgesprochene Totem, den sie anbeteten, ein Verbündeter, der sie in Liebe aneinander binden würde.
Und so ergab es sich, dass das Gießen einem Ritual gleich kam, sie einander, wie bei einer Verschwörung angrinsten, wenn wieder eine Woche vergangen war und am Montag morgen die Woche gemeinsam mit einer Gießkanne begonnen wurde.

Die Pflanze dankte es, indem sie nicht noch weiter verkümmerte. Sie blühte dennoch nie, presste jedoch in wohl überirdischer Kraft Jahr um Jahr ein weiteres Blatt hervor, wohl auch, weil an anderer Stelle eines verkümmerte und abfiel.
Ausgeglichene Bilanz, immerhin.

Der Zauber verblasste, die Liebe verblasste, die Blätter fielen in größerer Anzahl als sie nach wuchsen. Mit dem Winter kam das Ende.

All das war nun Jahre her, seit Jahren vorbei und doch nicht vergessen.
Kaum ein Tag verging an dem er nicht dem, was da war hinterher hing, an dem er sich nicht wünschte, dass es anders verlaufen wäre.
Aber die Liebe ist wie das Grün, dass am Straßenrand wächst. Manches bleibt, manches vergeht, muss anderem weichen, stärkeren Trieben, tieferen Wurzeln. Einer verliert, einer gewinnt, ein Blatt wächst, eines fällt ab.

Die Jahre vergingen und die Pflanze, das geschundene Ding, es war mehr eine Karikatur, ein Zerrbild, ein Witz, etwas, dass man in einem Cartoon als Symbol des Niedergangs zeichnen würde, die Pflanze war noch immer da, irgendwas davon.
Er hatte sie umgetopft, ihr Dünger gegeben, verschiedene Lichtsituationen vorgeschlagen, ihr, dem Ding mit den drei verbliebenen Blättern war es gleich, es blieben drei Blätter, egal, was er ihr antat oder meinte, ihr Gutes zu tun.
Er hing an ihr, so wie er der lang vergangenen Liebe noch nach hing, wollte das schon lange vergangene Ende nicht wahrhaben, leugnete es, ignorierte es. Die Pflanze wusste es besser, so meinte er. So lange noch ein Blatt an ihr war, so lange gab es ein zurück. So einfach ist das. Dachte er.

Einmal hat er die Frau im Blumenladen so lange beschwatzt, sie schlussendlich mit Geld zu ihr gelockt, um ihren Rat einzuholen.
Sie opferte ihre Zeit und ihr Urteil war hart und so nicht erwartet.
Er solle es aufgeben, die Zeit war gekommen, an dem er den Topf mit dem armseligen Rest endlich entsorgen sollte. Es gäbe schöne, langlebige andere Pflanzen und bei so viel Mühe, wie er sich gab, so wie er sich an dieser einen abgerackert hatte, versprach sie, würde eine andere ein schönes langes Pflanzenleben bei ihm verbringen können und Blüten tragen und er könnte Ableger in anderen Töpfen haben und alles würde blühen und in Schönheit erstrahlen.

Ihre Worte versickerten in trockener Erde, ohne Wirkung.
Ein Dank, ein Händeschütteln, durch die Tür, aus dem Sinn und er blieb zurück, mit ihr, dem jämmerlichen Strunk aus drei Blättern.
Ohne Hoffnung. Ohne Blüte.

vertrocknet (1)

10 Gedanken zu “Die Zimmerpflanze

  1. Feng Shui sagt: Defektes, Sterbendes, Hässliches muss entfernt werden, weil es sonst deine Energie raubt. In der Geschichte geht es in Wirklichkeit um das Ende einer Beziehung, und dafür gilt dasselbe.
    In diesem Fall könnte man allenfalls noch einen Ableger machen, aber nicht mal das würde ich tun.

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    • Ja, irgendwann ist die Zeit abgelaufen…
      Immerhin: Das dachte ich bei meiner Orchidee auch, aber da hat nach einem Jahr Pause, in der sie nur Wasser bekommen hat (einmal wöchentlich für einen Tag auffüllen) ein wenig Dünger wahre Wunder gewirkt.
      Ich befürchte, da endet die Parabel auch. Dünger im wahren Leben? Eher nicht. Vorbei ist vorbei…

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  2. Hier tillt meine ärztlich nicht diagnostizierte Schizophrenie mit mir durch. Käthe, die Blumenverkäuferin schreibt: Wech damit, so alte Lieben taugen nicht zum mühsam am Leben halten.
    Käthe, die Blumenliebhaberin schreibt: Hey, die will doch austreiben! Als erstes vorsichtig die gammelige alte Erde wegmachen, den ganzen Wurzelballen behutsam in lauwarmen Wasser ausschwenken und dann den Jammerlappen wieder in frische, duftende Erde vom Gärtner eintopfen. Tontopf statt Plastik bitte. Es scheint eine Euphorbie zu sein, ein sogenannter Weihnachtsstern hierzulande. Jetzt im Sommer gerne rausstellen, halbschattig und regelmäßig, aber sparsam gießen. Die abgestorbenen Ästchen natürlich entfernen. Und dann Geduld beweisen und Vertrauen.
    Blüten kann man so nie versprechen, aber Hoffnung. Hoffnungsgrün.
    Herzliche Grüße, die Ihre.

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    • Ich möchte mal behaupten, dass man irgendwann zuviel abgeschnitten hat, dass irgendwann auch die Lebensader so verkümmert ist, dass Exitus der einzige Ausweg ist.
      Und komisch: Mann kümmert sich viel mehr ums Gezöcht und Gefleuch als um die Eigenen…. bitter…

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      • Ich mußte jetzt eine Weile nachdenken und erbitte nun eine Ergänzung nach dem Eigenen, lieber Faktoid. Weil ich naturgemäß nur eigenens Tun und Fühlen abrufen kann und sich da aus dem Getue um Gezöcht und Gefleuch eine innewohnende Zufriedenheit ergibt.

        Ein zuviel an Abschnitt erkenne ich bei dem Jammerläppchen nicht, aber vielleicht ist es ja eh nur ein Beispielbild. Euphorbien sind nämlich zähe Gewächse, mitunter runkelig und dornig und doch von so einmaliger Schönheit…

        Nochmals zugeneigte Grüße, die Ihre.

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      • Das Bild ist ein Beliebiges. Irgendwo aus den Weiten des Internetz geräubert.
        Wie oft schon sind Baum und Strauch und Hund und Katz mit mehr Zuwendung umsorgt worden, als die, die einem wirklich nahe sind?
        Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?
        Mir schon…

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      • Das vermag ich nur mit einer Gegenfrage zu repliken, mein Lieber: Wer sind die, die einem wirklich nahe sind? Nähe muß zugelassen werden, man kann sie nicht erzwingen. Wirklich nahe ist man sich weder von Geburt, noch durch ein Ringversprechen. Nahe ist, wer in Herzensnähe wohnt und der wird auch umsorgt werden. Vielleicht nicht immer im Rahmen des erwarteten Anspruchs, aber das ist ein anderes Thema…

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