Abgesang, das traurige Lied

Und so fährst du am Morgen durch die Dörfer.
Staunst immer wieder über das Tote, dass über und durch diese Orte dringt.
Das Ausgestorbene.
Die Leere.

Siehst die Häuser, den Grund, die Parzellen, Zaun, Abgrenzung und Einfriedung. Siehst es und staunst über die Verschwendung von Raum.
Raum, der doch nur Hort der Leere ist.

Vereinzelt Menschen, alte Menschen, vielleicht Ende 30, nur wenige älter, aber in ihren Haltung, ihrem Gang, in dem, was sie an sich tragen, tot, schon lange tot, vermutlich nie am Leben.
Leben, eingetauscht gegen den Trott, den Grund, das Haus, die Einfriedung, den einen Wagen, damit die Arbeit erreicht werden kann, den anderen Wagen, damit die Frau bis in den Supermarkt kommt, ein größerer Wagen, wenn der Nachwuchs schon so groß ist, durch die leeren Orte gegondelt zu werden, zu Schule, Sportplatz, Heimatverein und anderen Trostlosigkeiten.
Menschen, die in, der Jahreszeit angepassten kurzen Hosen, die Frauen gerne nur knapp über das Knie gehend, die Herren lieber Bermudalänge und stets Socken und stets Sandalen und meistens Hund bei sich und an sich.

Diese Fahrten durch die Dörfer, durch die Trostlosigkeit stimmen mehr als nachdenklich.
Du siehst mehr Katzen, die auf der Garagenauffahrt sitzen und auf den Zeitpunkt ihrer Morgenfütterung warten, als Menschen und die, die Du siehst, willst du nicht sehen.

Du fährst und siehst, was du nicht sehen magst, die toten, zerriebenen Igel, die zuckenden Eichhörnchen, die kleinen Füchse, die nie alt werden durften, den zerschmetterten Habicht, die zerfledderte Elster, die eine einsame zweite kleine Seele zurücklässt, Elstern gibt es, bis auf die Hinterbliebenen nur paarweise.
Du siehst all die Opfer der vergangenen Nacht und bist mal um mal dankbar, dass durch welchen Zufall auch immer, du nicht zu dieser Bilanz beigetragen hast, wieder einmal nicht.

Du liest die Ortsnamen, die das einzige Unterscheidungsmerkmal dieser Dörfer sind, liest den Namen und hast ihn vergessen, bevor der Ort durchquert ist. Es ist dir gleich, diese Orte werden nie Bedeutung erringen.

Du siehst die Geranienkästen an den Balkonen, siehst aufwändige Eisenarbeiten, die die Fenster im Parterre der Häuser, die Fenster und die, die dahinter leben, einkerkern. Hübsch verziert, doch ist es Kerkerstahl.
Die Häuser, manchmal mit auf alt getrimmten Bildern von Pferdefuhrwerken, alten Mühlen und anderen längst verblassten Gegenwarten geschmückt, du lachst, während du es aufschreibst, geschmückt, prust.
Siehst es und beschleunigst, versucht, dem Licht, dass die Bilder an deine Augen transportiert, zu entkommen. Sinnlos und schaust weg.

In der Mitte dieser Orte, die Kirche, Bastion der Verlorenen. Kirchen, die mit enervierender Regelmäßigkeit und ohrenbetäubendem Lärm ihre Botschaft verkünden, an die Alten, die, die wirklich alt sind und die, die nie jung waren. Dir ist es gleich, du versuchst dem Lärm zu entkommen und suchst weiter.

Suchst den Ort, an dem ein Café ist, dass schon offen hat, suchst den Ort, an dem eine Bäckerei ist, die mehr im Angebot hat als aufgebackenen Dreck mit Körnern darauf.
Suchst nach Kunst, Kultur und Nischen und findest sie nicht.
Setzt dich anderen Tags in Lokale, die dir nicht widerstreben und suchst das Gespräch, suchst darin den Dialog, vielleicht den Hinweis, hinter vorgehaltener Hand, sorgsam nur an den, der damit auch etwas anzufangen weiß, geflüstert.
Findest … nichts.

Denkst an andere Orte, nahe Städte, suchst den Unterschied, lachst und verwirfst die Hoffnung, den Gedanken.

Denkst an Lissabon, Venedig, kleine Orte auf dem Weg dahin und weißt, hast es erlebt, dass es da noch anders ist, vermutlich ist es die Gnade des “noch”, dass du es da anders erleben durftest.

Denkst an die kleinen Läden, mit der Espressomaschine, den Regalen voller Dinge des täglichen Bedarfs, die immer freundlichen, älteren und meist runden Frauen, die hinter der Theke stehen und dich willkommen heißen, lächelnd.

Dir, mit ihrem kleinen Angebot so viel mehr geben, als ein paar Nudeln, einer Packung Milch, die dich in den wenigen Momenten deines Verweilens glauben machen, dass es gut ist, dass Du da bist.

Denkst daran, bist ein wenig traurig, manchmal ein wenig verzweifelt und ohne Hoffnung.

Ziehst dich wieder zurück, bis zu deiner nächsten Fahrt, deiner nächsten Suche.

3 Gedanken zu “Abgesang, das traurige Lied

  1. Das, was Du beschreibst, denke ich sehr ähnlich auch oft, wenn ich mit dem Rennrad unterwegs durch die kleinen Dörfer bin, vollgesogen mit dem Rest des Lebens der anderen, wie er sich mir präsentiert: begrenzt, eingezäunt, markiert, in engen Grenzen, abgesteckt wie Claims, das Gold ihres Daseins. Ich frage mich, ob sie glücklich sind oder nicht, stets am Platze bleibend, hinter ihren Spitzengardinen oder zusammen in Einrichtungen, in denen sie gemeinsam und doch allein, oft anonym auf das Ende warten. Weiche den Unfallopfern auf der Straße aus, denke, dem Igel nützten seine wehrhaften Stacheln nichts und bin froh, wieder aus den Dörfern herauszukommen, in denen ich mir fremd, unzugehörig vorkomme, ein durchlaufender Posten mit Alleinstellungsmerkmal.
    Du hast diese Stimmung sehr gut getroffen und gedanklich umgesetzt.
    Schön, mal wieder so etwas von Dir zu lesen.
    Liebe Grüße ✨

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    • Ich wünschte mir manchmal, ich könnte die Scheuklappen dicht machen und das alles nicht mehr an mich ran lassen.
      Aber so wie es gestern war, war es mal wieder grausam hyperrealistisch.

      Ich verstehe die Gedanken nicht, die sich hinter solchem Sein verbergen, es begründen, es möglich machen.
      Dann heißt es wieder, ich solle toleranter sein, die anderen in ihrem Tun akzeptieren.

      Tolerieren würde weg schauen bedeuten, verdrängen, es ausblenden..

      Danke für deine lieben Worte.

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  2. Tja, und statistisch weiß man, dass hinter der Vorstadthölle auch so viele Sadisten, Vergewaltiger, Alkoholiker, etc leben müssen. Man sieht sie nicht aber sie müssen da sein.

    Genauso wie man in den kleinen schönen Örtchen nicht tot über dem Zaun hängen will, wenn man nicht gerade auf der Reise nach Venedig ist. Wenn man mangels Job mit Ende Dreißig immer noch bei La Mamma wohnt.

    Warum kaufen wir den Aufbackkram? Weil wir alle zu geizig sind dem Bäcker zu zahlen was nötig wäre, damit er auch am Sonntag aufmacht. Jeder versucht sich immer selbst zu optimieren, am besten auf Kosten der anderen oder der Allgemeinheit.

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