Brief an einen Fremden

Guten Morgen Fremder,

ach, der liebe Gott, den habe ich schon lange aus dem Sinn verloren.
Das mag ein wenig mit der Tatsache zusammenhängen, dass ich mit 16, 17 zu viel Existentialisten gelesen habe, Sarte, Camus.. etc…. Da gibt es diese eine Geschichte „das Spiel ist aus“ von Sarte, in der ein Mann nach seinem Tod während einer Revolte, die er angezettelt hat, vor die Wahl gestellt wird, sich dieses mal für das Leben und die Liebe zu entscheiden und er, Idiot, der er ist, wählt wieder den Krieg, weil er weiß es besser, er hat die Kontrolle und „nur noch diese eine Sache“, dann ist er frei für die Liebe und zack, peng, ist er wieder tot und diesmal bleibt er es auch…. Geschieht ihm recht…

Ich war immer der Ansicht, ein jeder und vor allem ich, macht sich seine eigene Hölle auf Erden. Ich habe es in der Hand, was geschieht und die Folgen trage ich und Glauben ist Flucht und Verweigerung des Selbst und der Kontrolle, die ein jeder hat.

Warum gibt es Armut und Hunger? Das ist nicht „gottgewollt“. Das sind die Folgen einer gierigen Weltwirtschaft und wir alle sind ein Teil davon… Mit jedem Mobiltelephon, das wir haben, fördern wir die Armut in den Gebieten, in denen die Materialien aus dem Boden gekratzt werden….
Mit jedem T-Shirt oder Kleidungsstück, dass wir an uns tragen, treiben wir Menschen in die Armut…
Weil wir unseren Wohlstand auf Kosten der Schwächeren leben und tagein tagaus predigt uns die Werbung zu konsumieren und brav, wie wir sind, machen wir da mit…

Gott exisitiert nicht. Es existiert mehr, als wir sehen, das anerkenne ich. Was das ist, weiß ich nicht, aber auf sicher kein Jesus und kein Allah… Alleine die Tatsache, dass wir einen Gefolterten, Blutenden, Gequälten anbeten, lässt tief blicken. Wir umgeben uns mit Symbolen der Folter und des Blutes. Nein danke.

Buddhismus ist kein Glaube, eher eine Weltsicht. Aber die Tatsache, dass da ein dicker und lächelnder Mann friedlich sitzt, im Frieden mit sich, das gefällt mir um ein Vielfaches mehr, als die Mär von Kreuz und Blut und Nägeln durch Hände und Füße….

Ich gehe raus und sehe den Tag anbrechen, in all den schönen Farben und das ist real und niemand kann mir das nehmen und das ist gut so.

Und trotzdem bin ich ein schlechter Mensch, der nur schlau daherredet, bin ich eigensinnig, egoistisch, gelegentlich jähzornig und menschenverachtend (das zumindest bin ich meistens…)

Für mich ist das zu schreiben auch ein Stück weit Reflektion und vielleicht auch Therapie.
Lässt aber für mich immer die Frage offen: Wer bin ich? und viel wichtiger: Wer mag ich sein? Wer kann ich sein?

Das ist wichtig. Nicht ein neues iPhone, nicht Familie, nicht in Urlaub fahren und tolle Selfies machen, nicht Fasching oder Silvester feiern, ins Fußballstadion, auf das Oktoberfest, besoffen in der Menge, damit ich ja nicht, auf gar keinen Fall zur Ruhe komme und nachdenken kann, bloß nicht Nachdenken, bloß nicht… das könnte weh tun und schwierig sein….

Ich muss denken und reflektieren und handeln. Alles andere ist Nebensache.
Das ist meine Religion.

Und fragst du mich jetzt, warum ich das alles schreibe, ich weiß es nicht. Weil der Tag gerade anbricht, ich mal wieder alleine bin und hier ein Sprachrohr ist, in das ich hineinrufen kann.
Weil manchmal die Gedanken fließen, wenn die Ruhe da ist. Und heute ist so ein Tag….

Alles Liebe
F.

10 Gedanken zu “Brief an einen Fremden

  1. Wer zu viel zurückblickt, stolpert vermehrt nach vorn. Diese Gedanken zu ‚bin ich schlecht‘ oder ‚bin ich gut‘ läuft imo auf einen gesunden Narzissmus raus, den du ja gern ab und an mal an den Tag legst, auch gern in den Kommentaren, so ein wenig über den Dingen stehend. Überhaupt scheint mir das zunehmend zu begegnen, gerade in den Blogs. Das alte Gut-Schlecht-Spiel. Natürlich sind wir alle gut und haben es begriffen, aber eben alle anderen nicht. Alle anderen sind die Nullchecker der Republik, aber wir, ja wir sind schlau. Wir sind die Gutmenschen, mit unseren Handys, weswegen sich Menschen aus Fenstern stürzen, mit unserer Technik aus Fernost, deren Menschenrechte wir verachten und mit unseren coolen Teilen aus Ländern die noch heute gut verpackte Beutezugsstaaten sind, auch für Rohstoffe aus Ländern die nichts davon haben. Aber hier sind wir geboren und wir können nicht anders. WIe auch. Einen Eimer bitte.
    Jeder ist eben ein wenig anders und wer kann schon den ganzen Tag nur nachdenken. Was erreicht man damit? Nichts, außer ein noch besserer Gutmensch zu werden, der früher alles blickt als die anderen Honks.
    Vielleicht ist es diese elende Medienverseuchung die uns so kaputtmacht, die nur einen Teil des Realen zeigen, aber nicht alles, die man wegdrücken kann, wenn sie nerven, die niemals ein Gespräch, auch ein unangenehmes an einem Tisch ersetzen können, niemals. Dem anderen in die Augen blicken und die Wahrheit sagen, dennoch respektvoll.
    Vielleicht haben wir das verlernt. Ich sage bewusst wir, ich nehme mich da nicht aus. Vielleicht sind wir alleine, auch wenn wir es nicht sind. Es fällt nur auf, wenn wir es wirklich sind und der Strom weg ist.
    So. Ich geh jetzt üben.

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    • Danke für deinen starken Worte, die viel Wahrheit sprechen. Als Gutmensch habe ich, der sich mehr um das Wohl seiner Katzen schert, als um vieles andere, nicht wahrgenommen….Ich muss den alten Raucher zitieren, der einmal sagte: „Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel“. Nicht, dass ich mich im Übermaß als gescheit bezeichnen würde, meine Schulnoten (haha) sprechen da eine ganz andere Sprache, aber die Zweifel und das darüber nachsinnen, das wohnt mir inne… immerhin…
      PS: Leider ist der polldaddy Link gänzlich hinüber…

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  2. Hochwerter Faktoid, ich widerspreche Ihnen und zwar vehement! Wir haben es nicht in der Hand, was geschieht, zumindest nicht in dem, was Sie als Hölle hier aufführen. Sicher sind Sie für Ihre eigenen kleine Hölle verantwortlich, doch genau darin liegt auch Ihr minimales Elysium. Sie benennen den Glauben als „Flucht und Verweigerung des Selbst und der Kontrolle, die ein jeder hat.“ Was ist denn mit dem oberallererstem Glauben an sich selbst? Glauben Sie an sich? Dann tragen Sie auch dieses klitzekleine Eiland Hoffnung in sich.

    Sie lieben die Schönheit des Seins, das erkennt man in Ihren Bildern und manchmal sogar in Ihren Silbengemälden und nennen sich selbst einen schlechten Mensch. Wie könnten Sie das sein? Fehlerbehaftet sind wir alle, wenn wir sie benamsen können, unsere Eitelkeit, Selbstsucht und Wüterey, dann sind diese eherne Pfähle durch den Sumpf der Schlechtigkeit hin zu besagtem Eiland. Und Ihre Zweifel die festgezurrten Stricke, die diese Wackelbrücke verbinden.

    Eines noch: Als Gutmensch sehe ich sie keineswegs und überhaupt, was für ein fürchterliches Wort! Sie sind genauso menschlich wie wir alle, es kommt darauf an , was innendrinnig überwiegt. Gut gegen Schlecht. Der eigene Glauben. Die Balance. Die Wackelbrücke, von Zweifeln gehalten.

    Zugetane Grüße, Ihre Käthe, kraftvoll glaubend, auch an Sie.

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    • Ach Frau Käthe,
      ihre kraftvoll schüttelnden Kommentare sind mir die Liebsten.
      Freilich haben Sie Recht und ja, es ist „nur“ die kleine, selbst bereitete Hölle über die ich mir erlaube zu schreiben.
      Darüber die Kontrolle zu behalten ist schon schwer genug und misslingt Mal um Mal.
      Ich weiß um meine Fehler, trage sie zuweilen wie eine Entschuldigung oder Rechtfertigung vor mir her, aber macht mich dies Wissen zu einem besseren Menschen? Ich sage nein.
      Macht mich dies Wissen um die Verneinung zu einem besseren Menschen? Wieder nein.
      Hier zählt nicht der Prozess der Erkenntnis und der Selbstreflektion. Hier zählen nur Ergebnisse. Hier zählt das Tun und nicht das Sein.
      so lange die beiden nicht in Harmonie zueinander sind, so lange ist das alles nur Geschwafel. Nicht das Ihre, ich meine das Meine.

      Für den Gedankengang habe ich etwas gebraucht. Verzeihen Sie die späte Antwort.
      herzlicht

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