Das, was ist.

Dann sitzt er da und überlegt, was jetzt kommen könnte.
Wie es nun weiter geht. Was es ist, das ihn antreiben könnte.
Tut das, was er schon so oft getan hat: weiterhin nichts.
Grübelt vielleicht noch ein wenig mehr und stellt dabei fest, dass man vom Grübeln nur hässliche Falten bekommt und der Magen schnell übersäuert. Lässt dann auch das. Stellt es ein.
Am Vortag war er ganz früh am kalten See, ist einige Male aus dem warmen Wagen in die Kälte ausgestiegen, auf seinem Weg um den See. Hat ein paar schöne Stellen gefunden und es ein klein wenig genossen, das Spüren der Kälte, den Wind im Haar, die tauben Finger und sich überlegt, dass es doch eigentlich ganz schön wäre, das öfter zu tun, öfter mal raus, aus der Routine, dem schon beinahe autistischen Tun und ein wenig Veränderung, da und dort.
Er war nicht alleine am Wochenende, zumindest in der einen Nacht, genoss die zufällige Begegnung, die paar kleinen Gläser Wein, zusammen so viel besser schmeckend als alleine, die Haut, die Enge, die Nähe und Wärme, die eine Nacht voller Spüren, ohne dass viel passiert war, ohne echte Gefühle. Denkt darüber nach, wo sie wohl sind, wann sie abhanden gekommen sind, wie viele Herzen er noch hoffend und zitternd zurück lassen wird, bevor das eigene wieder hofft und zittert und vielleicht zerbricht und blutet. Ob es denn so schlimm wäre, wenn er leidet, aus echtem Gefühl heraus und geht wieder zurück in die Routine, das sichere kleine hin und her aus Arbeit, Lesen, Glotzen, Essen, Schlafen, Aufstehen und weitermachen. Schaut auf die Uhr und weiß, dass es Schlafenszeit ist, schaut auf die Uhr und steht von dem Bürostuhl auf und fährt heim, schaut auf die Uhr und weiß, dass Zeit vergangen ist, weiß aber kaum, was geschehen ist. Hasst und liebt die Uhr, weil sie Sicherheit gibt, aber Vergänglichkeit messbar macht. Denkt an das Eis und die Kälte und das Spüren, die Hand im kalten Wasser, die Finger steif und klamm, denkt, dass er mehr davon will und dann wieder, dass es schöner gewesen wäre, da nicht alleine zu stehen und was der Grund ist, dass er da alleine gestanden ist.
Ertappt sich dabei, etwas zu spüren und schiebt es weg, von sich, schließt es weg, wissend um das, was ist.

Nachverdichtung

Heute durfte ich ein neues Wort lernen..
Nachverdichtung…
Wikipedia schreibt darüber, das es ein Begriff ist, der im Städtebau Anwendung findet.
Und wie das Wort schon ahnen lässt, geht es um noch mehr Humaneinheiten auf noch weniger Lebensraum.
Die Freude steht mir bei der Vorstellung ins Gesicht geschrieben, wenn jung und alt, arm und reich einfach etwas enger zusammenrücken.
Das ist ein schönes Bild, nicht wahr? Der übliche Schelm, wer dabei Böses denkt.
Ganz ehrlich? Wer braucht zum Leben 2,50m hohe Decken? Die meiste Zeit, sitzt oder liegt man zuhause herum und duschen kann man auch im knien.
Da kann man ohne große Neubaumaßnahmen schnell mal eine Zwischendecke einziehen und schon hat jeder was davon, der eine, weil er jetzt seine Mieteinnahmen steigern kann, der andere, weil er plötzlich ein Dach oder eben eine Zwischendecke über dem Kopf hat.

Ich darf seit einiger Zeit beobachten, dass sowieso schon überlange Busse nun noch einen Hänger, voll mit weiteren, hoffentlich diesen Luxus der Beförderung auch brav bezahlenden Fahrgäste durch die Gegend kutschieren. Was mitunter originell wird, wenn die Bushaltestelle einfach nicht für 40 Meter lange Gefährte gemacht wurden und der Busarsch dann mal noch so halb auf der Kreuzung steht, sehr zur Freude des gewöhnlichen fahrenden Volkes, dass dann halt gern noch ein wenig länger auf die Hupe drückt oder wie auch immer man seinem mickrigen Aufbegehren eben Luft machen mag.

Die Nachverdichtung. Ich bewundere die Schöpfer solcher wunderbaren Begriffe, die einem erst wie ein Fremdwort über die Lippen geht und flugs dann in zum allgemeinen Sprachgebrauch wird. Das ist schon schön, so eine Gewohnheit.

Ich freu mich sehr auf die Nachverdichtung meines frühen Wortwerkes, vielleicht wird ja ein echtes Gedicht daraus. Vielleicht macht sich der oder die eine talentierte über meine Worte her und nachverdichtet diese. Das gefiele mir besser, viel besser, als die Zwischendecke, die es dann doch werden wird.

Der Albrecht

Albrecht, ein zwanzigjähriger Greis, wenn man ihn so nennen mag.
Alt und voll von Macken, die man ihm gern nachsieht.
Doch für sein Alter durchaus rüstig, schon beinahe agil und noch in der Lage, den einen oder anderen viel älter aussehen zu lassen.
Aber, weil er mein Schutzbefohlener ist und ich ihn gern mag, gebe ich ihm nur selten die Sporen und lasse es zumeist ruhig angehen.
Ist es doch gerade die Ruhe, die ihn auszeichnet. Und Ruhe und sogar ein ganz klein wenig Gelassenheit, die er mir schenkt und beinahe täglich demonstriert.
Albrecht, groß und schwarz. Er spricht mit tiefer, summender Stimme und bettet mich auf Leder.
Er, wenn er denn ein Er ist, strahlt Ruhe und sogar ein wenig Kraft aus. Ich mag ihn sehr, den Albrecht.

Albrecht ist meine Sänfte und ein wenig meine Nervenheilanstalt. So habe ich ihn schon öfter genannt.
Und wie alles, was gut ist, kam er zufällig bei mir vorbei und ist seitdem geblieben.

Ab und an fahre ich mit ihm zu kundigen Menschen, die sich den ein oder anderen Bruch oder andere kleine Malaisen ansehen und bisher immer Gutes an ihm verrichtet haben. Er ist bescheiden und hält sich mit dem Ringen nach Aufmerksamkeit in Grenzen.

Um es mal kurz zu sagen, er ist was Besonderes, der Albrecht.

Gespräch mit Herrn F.

Ach Herr F, wie schön, das wir mal Gelegenheit haben uns auszutauschen.
Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen. Ich erinnere mich nur zu gut an unsere kleinen Gespräche, den Meinungsaustausch, die intellektuelle Herausforderung, die stets der gern gesehene Gast unseres Dialoges war.

Und jetzt erzählen Sie doch mal, wie es Ihnen ergangen ist, in den letzten Wochen und Monaten. Es ist ja ganz still um Sie und Ihr Schaffen geworden.

Die Musik? Stimmt, ich vergaß, Sie haben sich ja ganz dem Klang verschrieben. Nicht einfach zu goutieren, das muss ich Ihnen schon mal sagen. Ein recht sperriges Werk, das Sie da geschaffen haben. Dennoch formidabel, wenn es die persönliche Stimmung erlaubt, darin einzutauchen.
Nein, ganz gewiss nicht, sie wollen es auf keinem Fall jedem Recht machen, das ist deutlich zu vernehmen.

Jaja und die Heisenbergsche Unschärfe, der ihr Werk zum Opfer fällt, da es ja durch ihre eigene Beobachtung und Aufzeichnung einen anderen Verlauf nimmt, als wenn Sie ganz für sich dem Raum lauschen.

Ich verstehe. Sie machen es sich aber auch nicht leicht.

Der Alltag, wie haben Sie denn den Alltag bewältigt? Erzählen Sie doch mal.
Gekündigt? Ausgebrannt! Geflüchtet! Ich verstehe. Ja, die Welt ist ein grausamer und selbstsüchtiger Ort. Manchmal muss man versuchen, ihr zu entkommen. Da bleibt einem kaum eine Wahl.
Und Sie? Haben sich ganz klein gemacht und unter einem Stein verkrochen, mit gelegentlichen kurzen Ausflügen zu nachtschlafender Zeit an See oder in die Wildnis.

Gut so. Man muss sich erst finden, bevor man weiter gehen kann. Ja, das verstehe ich.

Und heute? Ist es besser?
Ein wenig, naja, immerhin, wenn auch nicht besonders ermutigend.

Ja, dem Prokrastinieren sind Sie immer schon gerne nachgegangen.
Ist ja auch ein schöner Zeitvertreib. Und der Kopf wird frei für frische Gedanken.

Ah und es gibt vielleicht ein paar neue Geschichten, die in Ihnen gären! Das wäre ja ganz wunderbar.
Albrecht? Nie gehört, nicht aus Ihrem Mund. Geschichten über Albrecht. Da sind wir sicher alle gespannt.
Nein, Sie verraten nicht mehr. Das ist noch im Werden, ich verstehe.

Dennoch, es hat mich gefreut, dass Sie ein wenig Ihrer Zeit für einen kleinen Dialog geopfert haben. Ja, auf jeden Fall! Gerne wieder.
Auf bald.

wisch

Der Schlüssel und das Schloß

Und da sitzt du jetzt an deinem Arbeitsplatz, fragst dich, ob es wirklich “dein” Platz ist, ob es denn sein muss, sein kann, dass du noch Jahre, Jahrzehnte hier an diesem oder irgendeinem anderen “Platz” sitzt und darauf warten wirst, dass es vorbei geht. Vorbei, mit dem Grüßen von Denjenigen, die dir nichts bedeuten, vom Führen von Gesprächen, die dünner sind als die Luft, vom Lächeln in Gesichter, die du vergessen hast, kaum, das sie an dir vorübergegangen sind.
Sitzt und denkst und wartest noch ein wenig länger. Überlegst und überlegst und überlegst, wo woanders ist, wo das Woanders ist, das besser ist, dass dir mehr bedeutet; dass, zu dem du mit dem guten Herzklopfen gehst, dem, das freudige Aufgeregtheit bedeutet, dass dich Lächeln macht, das Lächeln, dass du nicht vergisst, weil es in deinem Gesicht verbleibt und nur langsam vergeht.
Sitzt und denkst und dann fällt dir auf, dass du nicht fühlst, dass du zwar Gedanken denken kannst, aber außer dem Stahlband um deine Brust nichts wahrnimmst, fühlst, dass der Zugang zu diesem tiefen Brunnen, der gefüllt ist mit warmen, weichen und unendlich süßem Honig, verkeilt, verrammelt und dick gepanzert verschlossen ist und den Schlüssel, ja der den Schlüssel, den hast du schon lang nicht mehr, der ist irgendwo vergraben, vermutlich verrostet und selbst wenn du ihn wiederfinden würdest, dann kannst du jetzt schon das Knacken und Brechen hören, dass dem Schlüssel in dem Schloß den Rest geben wird, wenn er in Splitter zerbricht, die wenigstens noch Scharf sein werden und dich schneiden werden und ein wenig Gift in deinem Blut hinterlassen werden, gerade genug, dass es dir eine Lehre sein wird, ja nicht noch einmal auf die Suche zu gehen, nach einem passenden Schlüssel.

 

Ein Baum

Aufmerksamkeit.
Fragmente. Gedanken. Flüchtig. Vorbei.
Wieder und wieder, vorbei.

Die Erde von unten, ein Gedanke, ein Bild, keine Assoziation, mehr der Versuch des Perspektivenwechsels.
Immer wieder verändert.
Ein Ort, eine Straße, ein kleines Waldstück, ein Baum, gefallen…
Nur, dass er beim Fall die Erde, in die er sich gekrallt hat, mit umgeworfen hat.
Eine Tanne, die flach wurzelt und weit nach oben geht.
Interessantes Bild, wenn man es auf dich und mich und die, die uns umgeben anwendet.
So sind wir, kaum Wurzeln, aber schnell weit nach oben kommen, den Kopf überm Wasser, vor dem Ertrinken bewahrend.
Und wenn wir fallen, fallen wir nicht alleine, reißen mit, was uns umgibt. Richten, was uns nahe ist zugrunde.
So ist das mit dem Baum, der da liegt. Ihn umgibt eine Scheibe aus Erde und Wurzeln, nur eine Handbreit tief. Das war alles, was ihn aufrecht gehalten hat, bis der Sturm aufkam.
Ich habe nie ein Bild von dem Baum gemacht, zu sehr hat es sich in mein Denken, in mein Hirn eingebrannt… Dieser Riese, gestrauchelt und gefallen und seit Jahren dort, wie ein Mahnmal, mein Mahnmal, dort liegend, durch Zufall niemand im Weg liegend, langsam verrottend.