Umgekehrt

Und dann hältst du inne und der Gedanke wird greifbarer und du rückst ihm und er dir näher und dann ist es wie ein Echo in deinem Kopf, das nicht verklingt und so rollt er hin und her und kommt nicht zur Ruhe, du kommst nicht zur Ruhe….

Dieser Gedanke, wie das mal so war und wie anders es heute ist. Wie sehr die Veränderung da ist, wie spürbar und allzeit präsent. Und wie raffiniert deine Methoden waren, ihn ja nicht allzu sehr zu denken, wie du es mal um mal vermieden hast, ihm Raum zu geben.

Da war mal diese Zeit, da warst du von den 365 Tagen, die ein Jahr so ausmacht,vielleicht 340 Tage mit jemandem zusammen und diese lange Zeit war gut, hat sie doch ein wenig Stabilität ins eigene Sein gebracht und wohl auch ein wenig in das Leben deines Gegenübers..
Die übrigen Tage war man vielleicht auf Dienstreise oder alleine, weil der andere das war und das war dann auch gut. Das feine Band, das man geknüpft hatte, war dehnbar und auch große Distanz konnte es nicht zum reißen bringen. Die 25 Tage, vier Wochen vielleicht, über das Jahr verteilt, die waren schnell vorbei, taten manchmal sogar gut und dann war da wieder die nahe Zwei und die war gut.
Und wie ist das heute und dieses heute ist nicht seit gestern so, sondern das hat sich über lange Zeit breit gemacht, sich eingeschlichen, angeschlichen und hat seinen festen Wohnsitz seitdem bei dir und ist doch wie der Elefant, den man im Haus hat, aber nicht sieht. Heute sind es vielleicht 20 oder 25 Tage im Jahr, die man mit jemandem, den man gern hat verbringt, für mehr langen die Gefühle nicht und der Partner sieht es ebenso und ist froh, wenn er wieder weg ist, weil, so toll war es dann doch nicht, nicht wahr?

Heute sitzt du da und stellst fest, dass dein Leben, dein Lieben sich umgekehrt hat, in dem Maß, wie du es leben kannst… 25 statt 340 und das nicht, weil es so viel zu dienstreisen gibt. Das bist dann schon du, der sich verändert hat, du, der das alles nicht mehr kann oder zulässt oder weder kann, noch zulässt… Das steckt in dir, diese Umkehrung und die wieder umzukehren, das weißt du nicht, ob das möglich ist, ob es in kleinen Schritten möglich ist, aus 25 vielleicht 70 machen oder vollkommen irre 100, das weißt du nicht, wie das gehen soll, ob die Zeit, die du hast, dir dazu noch genügt. Und in die 25 bekommst du auch die 340 nicht rein, nicht, was die Gefühle betrifft, das viele Leben und erleben, das klappt nicht, denn 25 ist halt nur ein kleines Fass und das läuft schnell über und dann ist es passiert und dann musst du wieder aufwischen, trocken legen und die maroden Stellen ausbessern und davon werden sie auch nicht besser, nicht wahr?

downward spiral

Der Herr Reznor hat diese bedauerliche Tatsache schon vor vielen Jahren als Titel seines Albums in Worte gefasst…

Die Abwärtsbewegung…

Und wie es sich für eine Bewegung gehört, die abwärts führt, auf einer sich verengenden Kreisbahn, nimmt das Momentum zu. Unaufhörlich und ziemlich unabänderlich.

Das “ziemlich” schreibe ich, um einen kleinen Spalt in der Tür offen zu halten, der Tür, die zu einem Ausweg führt.

Dem Ausweg, der in so weiter ferne liegt und völlig im Unklaren lässt, wie der denn so aussehen könnte, der Ausweg.

Bleibt die unbeantwortbare Frage, was sich denn am Ende dieser Abwärtsbewegung befindet?

Da gäbe es einige spannende Optionen, die vom Exitus über das Erwachen und alles, was sich so zwischen diesen Polen befindet, reichen.

Jetzt mal die dicken Brocken:

Nehmen wir mal den Haufen Existenz, der man so ist. Mit all seinen Ecken und Kanten und mit den Jahren auch Rundungen und Beulen und Narben und den Abgründen, oh ja, den Abgründen… Das ist doch spannend, dass es stets der Blick nach unten ist, der so viel mehr Details Preis gibt, als das Starren in die Ferne, nach oben.
Da vorne, oben sind Schleier und Nebel und ganz da hinten eine fahle Sonne, die dann später von einem Mond abgelöst wird, dessen gebleichtes Knochenlicht auch nicht gerade für die Freude und das Lachen, sondern eher für bange und durchwachte Nächte steht.
Die grünen Wiesen, die zwitschernden Vögel, der Frühling, Knospen, Blüten, Farbenpracht und all das überirdisch Schöne, das sind noch Gedanken, ein wenig verweht und verschwommen, Erinnerungen aus weiter Ferne..

Und dann die Erkenntnis, dass die Rahmenbedingung, auch die, die man sich möglicherweise selbst geschaffen hat, dass dieser Rahmen nicht aus leichtem Holz, das gern mal bricht, geschaffen ist, sondern mehr die Beschaffenheit von Stahl hat, mehr ein Mantel als nur Begrenzung, und ein Mantel, der, das Alter und der Blick an sich herunter bringt es so mit sich, ein Mantel, der zu knapp, zu eng, geradezu beklemmend ist. Nur der symbolische Wurf dieses Mantels in die Sammlung oder den Müll, da hinkt der Vergleich, da wird es kompliziert…

Es lässt sich gut abschweifen, in einem Sumpf, dessen Begrenzungen man aus den Augen verloren hat, in den ursprünglich nur ein paar Schritte gesetzt werden wollten, um mal zu sehen, was es da so zu sehen gibt… Und jetzt wankt der Boden und der Schritt sinkt tief und von der eigenen Schwere freigesetzt steigt alles andere als Wohlgeruch aus den tiefen Spuren.

Wärs ein Buch, in dem ich all das lesen würde, dann hätte ich das spätestens jetzt weg gelegt, es zu den Unlesbaren dazu gestapelt, die dann langsam den muffigen Geruch des feuchten Kellers annehmen, in dem sie ihr trauriges Dasein fristen.

So lege ich nur die Geschichte ab, an einem Ort, an dem sich auch nur darauf wartet, vergessen zu werden.

Go, Fuck Yourself, 2017

Geh zu Hause und mach Platz für das glorreiche 2018, das Jahr, in dem die kommende Altersarmut wieder ein Stückchen näher kommen wird.

Das Jahr, in dem der Druck wieder einmal ein wenig zunehmen wird und die Last ein wenig schwerer, dafür aber auch der Berg, den es zu erklimmen gilt, ein wenig steiler und der Weg etwas schmäler sein wird. Juchu.

All das und so viel mehr, was dem einem oder anderen, mir auch ein wenig zum Jahreswechsel in den Sinn kommt und all das nur, weil die eigene Fähigkeit zum Widerstand, dazu, dem etwas entgegen zu setzen, noch immer nur kümmerlich ausgeprägt ist.

Gut in Erkenntnissen, lausig in Konsequenzen, So lässt sich das zusammenfassen.

Die ausgeprägte Schonhaltung ist der Stillstand, in dem die Einflüsse von außen, so dezimiert, gerade noch ertragen werden.

Gelegentliches Aufbäumen und um sich schlagen einmal ausgenommen.

Die Uhr am Handgelenk hat nur eine kleine Anzeige, die von 31 auf Eins wechseln wird oder vermutlich vorher schon stehen geblieben ist, da sie nur durch Bewegung zum Weiterlaufen animiert werden kann und das wenige Zucken und Hochschrecken im Schlaf würde da nicht genügen und dazu kommt noch, dass sie ihr Dasein auf dem Sekretär fristet, auf den Arbeitstag wartend, um wieder angeschnallt zu werden. Also selbst dieses Ereignis wird dort entweder nicht oder nur unbeobachtet stattfinden.

Darüber sinnierend, was 2018 wohl zum Besseren gewendet werden kann, setzt das Erkennen ein, dass Antworten dazu noch in weiter Ferne sind.

Dabei dann Rat im Außen zu suchen hat bis dato nur wenige Früchte getrieben, aber für das Wenige ein Danke. Immerhin.

Jemand sprach von Kuscheln und Knutschen, nicht anlässlich des unseligen Jahreswechsels, mehr so ganz allgemein als Lösung und Wunsch, dadurch Wohlbefinden zu erlangen. Ich sehe da durchaus Perspektive. Es ist wohl die Essenz des Seins, sich da Gutes zuzuführen, wo es noch möglich ist und durch das Kleine etwas Größeres zu bewirken. Ein Lichtstreif, ein Schimmer. Immerhin.

Go, Fuck Yourself, 2017

Das, was ist.

Dann sitzt er da und überlegt, was jetzt kommen könnte.
Wie es nun weiter geht. Was es ist, das ihn antreiben könnte.
Tut das, was er schon so oft getan hat: weiterhin nichts.
Grübelt vielleicht noch ein wenig mehr und stellt dabei fest, dass man vom Grübeln nur hässliche Falten bekommt und der Magen schnell übersäuert. Lässt dann auch das. Stellt es ein.
Am Vortag war er ganz früh am kalten See, ist einige Male aus dem warmen Wagen in die Kälte ausgestiegen, auf seinem Weg um den See. Hat ein paar schöne Stellen gefunden und es ein klein wenig genossen, das Spüren der Kälte, den Wind im Haar, die tauben Finger und sich überlegt, dass es doch eigentlich ganz schön wäre, das öfter zu tun, öfter mal raus, aus der Routine, dem schon beinahe autistischen Tun und ein wenig Veränderung, da und dort.
Er war nicht alleine am Wochenende, zumindest in der einen Nacht, genoss die zufällige Begegnung, die paar kleinen Gläser Wein, zusammen so viel besser schmeckend als alleine, die Haut, die Enge, die Nähe und Wärme, die eine Nacht voller Spüren, ohne dass viel passiert war, ohne echte Gefühle. Denkt darüber nach, wo sie wohl sind, wann sie abhanden gekommen sind, wie viele Herzen er noch hoffend und zitternd zurück lassen wird, bevor das eigene wieder hofft und zittert und vielleicht zerbricht und blutet. Ob es denn so schlimm wäre, wenn er leidet, aus echtem Gefühl heraus und geht wieder zurück in die Routine, das sichere kleine hin und her aus Arbeit, Lesen, Glotzen, Essen, Schlafen, Aufstehen und weitermachen. Schaut auf die Uhr und weiß, dass es Schlafenszeit ist, schaut auf die Uhr und steht von dem Bürostuhl auf und fährt heim, schaut auf die Uhr und weiß, dass Zeit vergangen ist, weiß aber kaum, was geschehen ist. Hasst und liebt die Uhr, weil sie Sicherheit gibt, aber Vergänglichkeit messbar macht. Denkt an das Eis und die Kälte und das Spüren, die Hand im kalten Wasser, die Finger steif und klamm, denkt, dass er mehr davon will und dann wieder, dass es schöner gewesen wäre, da nicht alleine zu stehen und was der Grund ist, dass er da alleine gestanden ist.
Ertappt sich dabei, etwas zu spüren und schiebt es weg, von sich, schließt es weg, wissend um das, was ist.

Der Schlüssel und das Schloß

Und da sitzt du jetzt an deinem Arbeitsplatz, fragst dich, ob es wirklich “dein” Platz ist, ob es denn sein muss, sein kann, dass du noch Jahre, Jahrzehnte hier an diesem oder irgendeinem anderen “Platz” sitzt und darauf warten wirst, dass es vorbei geht. Vorbei, mit dem Grüßen von Denjenigen, die dir nichts bedeuten, vom Führen von Gesprächen, die dünner sind als die Luft, vom Lächeln in Gesichter, die du vergessen hast, kaum, das sie an dir vorübergegangen sind.
Sitzt und denkst und wartest noch ein wenig länger. Überlegst und überlegst und überlegst, wo woanders ist, wo das Woanders ist, das besser ist, dass dir mehr bedeutet; dass, zu dem du mit dem guten Herzklopfen gehst, dem, das freudige Aufgeregtheit bedeutet, dass dich Lächeln macht, das Lächeln, dass du nicht vergisst, weil es in deinem Gesicht verbleibt und nur langsam vergeht.
Sitzt und denkst und dann fällt dir auf, dass du nicht fühlst, dass du zwar Gedanken denken kannst, aber außer dem Stahlband um deine Brust nichts wahrnimmst, fühlst, dass der Zugang zu diesem tiefen Brunnen, der gefüllt ist mit warmen, weichen und unendlich süßem Honig, verkeilt, verrammelt und dick gepanzert verschlossen ist und den Schlüssel, ja der den Schlüssel, den hast du schon lang nicht mehr, der ist irgendwo vergraben, vermutlich verrostet und selbst wenn du ihn wiederfinden würdest, dann kannst du jetzt schon das Knacken und Brechen hören, dass dem Schlüssel in dem Schloß den Rest geben wird, wenn er in Splitter zerbricht, die wenigstens noch Scharf sein werden und dich schneiden werden und ein wenig Gift in deinem Blut hinterlassen werden, gerade genug, dass es dir eine Lehre sein wird, ja nicht noch einmal auf die Suche zu gehen, nach einem passenden Schlüssel.

 

Ein Baum

Aufmerksamkeit.
Fragmente. Gedanken. Flüchtig. Vorbei.
Wieder und wieder, vorbei.

Die Erde von unten, ein Gedanke, ein Bild, keine Assoziation, mehr der Versuch des Perspektivenwechsels.
Immer wieder verändert.
Ein Ort, eine Straße, ein kleines Waldstück, ein Baum, gefallen…
Nur, dass er beim Fall die Erde, in die er sich gekrallt hat, mit umgeworfen hat.
Eine Tanne, die flach wurzelt und weit nach oben geht.
Interessantes Bild, wenn man es auf dich und mich und die, die uns umgeben anwendet.
So sind wir, kaum Wurzeln, aber schnell weit nach oben kommen, den Kopf überm Wasser, vor dem Ertrinken bewahrend.
Und wenn wir fallen, fallen wir nicht alleine, reißen mit, was uns umgibt. Richten, was uns nahe ist zugrunde.
So ist das mit dem Baum, der da liegt. Ihn umgibt eine Scheibe aus Erde und Wurzeln, nur eine Handbreit tief. Das war alles, was ihn aufrecht gehalten hat, bis der Sturm aufkam.
Ich habe nie ein Bild von dem Baum gemacht, zu sehr hat es sich in mein Denken, in mein Hirn eingebrannt… Dieser Riese, gestrauchelt und gefallen und seit Jahren dort, wie ein Mahnmal, mein Mahnmal, dort liegend, durch Zufall niemand im Weg liegend, langsam verrottend.