Ein Baum

Aufmerksamkeit.
Fragmente. Gedanken. Flüchtig. Vorbei.
Wieder und wieder, vorbei.

Die Erde von unten, ein Gedanke, ein Bild, keine Assoziation, mehr der Versuch des Perspektivenwechsels.
Immer wieder verändert.
Ein Ort, eine Straße, ein kleines Waldstück, ein Baum, gefallen…
Nur, dass er beim Fall die Erde, in die er sich gekrallt hat, mit umgeworfen hat.
Eine Tanne, die flach wurzelt und weit nach oben geht.
Interessantes Bild, wenn man es auf dich und mich und die, die uns umgeben anwendet.
So sind wir, kaum Wurzeln, aber schnell weit nach oben kommen, den Kopf überm Wasser, vor dem Ertrinken bewahrend.
Und wenn wir fallen, fallen wir nicht alleine, reißen mit, was uns umgibt. Richten, was uns nahe ist zugrunde.
So ist das mit dem Baum, der da liegt. Ihn umgibt eine Scheibe aus Erde und Wurzeln, nur eine Handbreit tief. Das war alles, was ihn aufrecht gehalten hat, bis der Sturm aufkam.
Ich habe nie ein Bild von dem Baum gemacht, zu sehr hat es sich in mein Denken, in mein Hirn eingebrannt… Dieser Riese, gestrauchelt und gefallen und seit Jahren dort, wie ein Mahnmal, mein Mahnmal, dort liegend, durch Zufall niemand im Weg liegend, langsam verrottend.

Die Präsenz des Todes.

Die Nähe, das Bewusstsein, dass er immer näher kommt.
Er langsam und stetig sich zu seiner wahren Größe errichtet und einem Riesen gleich, den Weg und die Sicht versperrt, auf das was hinter der nächsten Biegung liegt, die mehr und mehr außerhalb der eigenen Reichweite liegt.
Bud Spencer, Manfred Deix, Prince, Bowie, Bernie Worrell, der irre Keyboarder aus Stop making Sense, dem noch immer besten Konzertfilm (sorry Prince, sorry LCD Soundsystem) und so viele andere, die nun nur noch Vergangenheit sind.

Ich weiß um das Alter meines Vaters, dem Letzten und Einzigen, der noch Bedeutung hat in meinem Leben, wenn es um Familie geht.
Und diese Unausweichlichkeit, die Schwärze der Gedanken, ist eine Schlinge aus Kuhzaun, die sich enger und enger um einen schnürt und den Schmerz als Vorgeschmack, auf das, was kommen wird in die Haut reißt und tiefer dringt und schnürt und schnürt.

Er ist ein ungeliebter Gast, dieser Tod, er kommt zu den unpassendsten Gelegenheiten und seine Hinterlassenschaft ist Säure, die sich durch alles hindurchfrisst, ätzend und giftig.

50 Jahre und kein Verlust, der mir nahe gegangen ist, weil niemand von mir gegangen ist.
Aber, wie der weise Tyler Durdon gesagt hat “on a long enough timeline the survival rate drops to zero”, Irgendwann ist es vorbei und mir graut davor, diese Erfahrung machen zu müssen. Mir graut.

Alle, die schon gegangen sind und noch gehen werden, rufen Erinnerungen, Gefühle und längst Vergessenes wieder wach und nicht alles ist gut, was da unten tief verborgen liegt, hinter Türen, deren Riegel schwer und voller Schlösser sind.
Aus gutem Grund. Der Tod, dieser Einbrecher und Schloßknacker, der ungebetene Fremde im eigenen Haus, ihm ist es gleich, was da nach oben steigt, wenn keine Türen und Schlösser die Verließe verriegeln.
Ihm ist es gleich, mir graut es.

IMGP3596

Brief an einen Fremden

Guten Morgen Fremder,

ach, der liebe Gott, den habe ich schon lange aus dem Sinn verloren.
Das mag ein wenig mit der Tatsache zusammenhängen, dass ich mit 16, 17 zu viel Existentialisten gelesen habe, Sarte, Camus.. etc…. Da gibt es diese eine Geschichte „das Spiel ist aus“ von Sarte, in der ein Mann nach seinem Tod während einer Revolte, die er angezettelt hat, vor die Wahl gestellt wird, sich dieses mal für das Leben und die Liebe zu entscheiden und er, Idiot, der er ist, wählt wieder den Krieg, weil er weiß es besser, er hat die Kontrolle und „nur noch diese eine Sache“, dann ist er frei für die Liebe und zack, peng, ist er wieder tot und diesmal bleibt er es auch…. Geschieht ihm recht…

Ich war immer der Ansicht, ein jeder und vor allem ich, macht sich seine eigene Hölle auf Erden. Ich habe es in der Hand, was geschieht und die Folgen trage ich und Glauben ist Flucht und Verweigerung des Selbst und der Kontrolle, die ein jeder hat.

Warum gibt es Armut und Hunger? Das ist nicht „gottgewollt“. Das sind die Folgen einer gierigen Weltwirtschaft und wir alle sind ein Teil davon… Mit jedem Mobiltelephon, das wir haben, fördern wir die Armut in den Gebieten, in denen die Materialien aus dem Boden gekratzt werden….
Mit jedem T-Shirt oder Kleidungsstück, dass wir an uns tragen, treiben wir Menschen in die Armut…
Weil wir unseren Wohlstand auf Kosten der Schwächeren leben und tagein tagaus predigt uns die Werbung zu konsumieren und brav, wie wir sind, machen wir da mit…

Gott exisitiert nicht. Es existiert mehr, als wir sehen, das anerkenne ich. Was das ist, weiß ich nicht, aber auf sicher kein Jesus und kein Allah… Alleine die Tatsache, dass wir einen Gefolterten, Blutenden, Gequälten anbeten, lässt tief blicken. Wir umgeben uns mit Symbolen der Folter und des Blutes. Nein danke.

Buddhismus ist kein Glaube, eher eine Weltsicht. Aber die Tatsache, dass da ein dicker und lächelnder Mann friedlich sitzt, im Frieden mit sich, das gefällt mir um ein Vielfaches mehr, als die Mär von Kreuz und Blut und Nägeln durch Hände und Füße….

Ich gehe raus und sehe den Tag anbrechen, in all den schönen Farben und das ist real und niemand kann mir das nehmen und das ist gut so.

Und trotzdem bin ich ein schlechter Mensch, der nur schlau daherredet, bin ich eigensinnig, egoistisch, gelegentlich jähzornig und menschenverachtend (das zumindest bin ich meistens…)

Für mich ist das zu schreiben auch ein Stück weit Reflektion und vielleicht auch Therapie.
Lässt aber für mich immer die Frage offen: Wer bin ich? und viel wichtiger: Wer mag ich sein? Wer kann ich sein?

Das ist wichtig. Nicht ein neues iPhone, nicht Familie, nicht in Urlaub fahren und tolle Selfies machen, nicht Fasching oder Silvester feiern, ins Fußballstadion, auf das Oktoberfest, besoffen in der Menge, damit ich ja nicht, auf gar keinen Fall zur Ruhe komme und nachdenken kann, bloß nicht Nachdenken, bloß nicht… das könnte weh tun und schwierig sein….

Ich muss denken und reflektieren und handeln. Alles andere ist Nebensache.
Das ist meine Religion.

Und fragst du mich jetzt, warum ich das alles schreibe, ich weiß es nicht. Weil der Tag gerade anbricht, ich mal wieder alleine bin und hier ein Sprachrohr ist, in das ich hineinrufen kann.
Weil manchmal die Gedanken fließen, wenn die Ruhe da ist. Und heute ist so ein Tag….

Alles Liebe
F.

Erkenntnisse

Und da gehst Du in ein Seminar und bekommst als erstes die Aufgabe, etwas über dich zu sagen. Einige Minuten zur Vorbereitung, eine kleine Karte deines Lebens anzufertigen und weitere fünf Minuten, um dich zu präsentieren. Und dann brütest Du über dich und dein Leben und was es Relevantes zu sagen gibt, denkst über das nach, was die anderen wohl so erzählen werden, denkst und weißt, dass es nicht wichtig ist, sich an den anderen zu messen. Du nutzt die Gelegenheit, die willkommene Gelegenheit, das, was dich ausmacht, Revue passieren zu lassen. Einige Minuten sind genug dafür, für das, was Du Preis geben willst, nimmst es und schreibst es auf und dann trägst du es vor und nach zwei Minuten bist Du fertig und das ist gut so und Du weißt, dass es richtig ist, sich gut anfühlt und deshalb richtig ist. Du könntest dich jetzt bemühen und das auf eine Minute reduzieren, könntest genau so fünf oder zehn daraus machen oder einen Tag, eine Woche, könntest alte Manuskripte, alte Gedanken herauskramen und darüber reden und doch genügen im Grunde die zwei Minuten, um den Kern frei zu legen, das, was wichtig ist, das, was Du Preis geben möchtest, wozu Du stehst. Es wäre kaum mehr geworden, wenn es die letzten Minuten gewesen wären und das ist gut so. Du hast lediglich die Liebe und die Werte unterschlagen, aber die gehören Dir und die sind Du und das ist Eines und das wissen die, die es wissen müssen. Über das Leben und den Tot hast Du schon viel und noch immer nicht genug nachgedacht und auch das ist gut so, weil es ist nie genug. Da ist die Gier, nach dem Leben und die ist gut, weil irgendwann ist es vorbei und irgendwann bleibt nur noch https://foodandwineporn.de/2014/10/20/tatowierung/ das und das ist dann nicht viel und vorher sollte schon ein wenig was gewesen sein.

Fiend…

acid bath

About not getting old.
Oder:
Leben.
Oder:
Rolemodel

So viele Namen, so viele Gedanken und Gefühle…
Anfang der 80iger. Acid Bath, ein Album, ein Moment, eine Stimmung.
Aggressiv, ein wenig gruselig, voller Drogen und dem Versprechen für den Trip deines Lebens.
Trip to the moon….

Damals habe ich sie auf der Bühne gesehen, eines der wenigen Konzerte, auf die ich gegangen bin. Konzerte, die vielen Menschen, die Stimmung, das zur Schau stellen seiner selbst, das Positionieren, die Konfrontation, das Tanzen in und mit der Menge, Pogo, alles das, was mir zu viel war, aber Alien Sex Fiend, die wollte ich live sehen.

Und so ging es ans andere Ende der Stadt, in fremdes Terrain, eindeutig nicht meine Gegend, nicht meine Regeln, nur wenige bekannte Gesichter, dafür viele Drogen, viele verschleierte Blicke, viel Schwarz, viele Nieten und noch mehr Schuhe mit Schnallen und Handschuhe mit abgeschnittenen Fingern. Halbe Stifte Kajal unter, auf und über den Augen, länger gezeichnete Augenwinkel und Brauen, lackierte Fingernägel und bleiche Gesichter. Was haben wir schön ausgesehen.

So war das damals und es sind trotz der Unsicherheit und dem Zaudern gute Erinnerungen.
Erinnerungen, die ich lange nicht mehr gedacht oder aufgefrischt habe und warum auch immer, solche von der Art, die nicht verblassen.

Und da sitzen sie, es ist 2012.
Nik und Mrs. Fiend,
Nikolas und Christine Wade, seit Jahrzehnten ein Paar und geben nach einer Show ein Interview.
Ich tippe sie mal auf ein paar Jahre älter als ich, damit Mitte fünfzig, vielleicht noch ein paar Jahre mehr, ich weiß es nicht.
Für mich jedoch nicht gealtert, im Gegenteil, frisch und wach. Produkte eines Lebens, eines Lebensstils der geprägt ist, vom Tun, vom Sein, vom sich selbst verwirklichen.
Sympathisch, sie sind Persönlichkeiten, mit denen ich gerne an einem Tisch säße, die mich, mein Denken bereichern, mir zeigen, wie es ist, wenn man tut, was man möchte, den Erwartungen nicht entsprechen mag, nicht muss und doch leben kann, davon leben kann.
Für die beiden, ihre Band gibt es keine Altersruhe, keine Rente, auf die sie sich freuen würden, auf die sie hoffen können, die sie auch nur um Geringsten erwarten.

“Wann war eurer letzter freier Tag?” “Wir erinnern uns kaum… “

Wer lebt, braucht keinen Urlaub.

So.
Das ist der Kernsatz, die Botschaft. Die Messlatte und das weit entfernte Ziel.

Da sind die, die es verstanden haben, die es vormachen, die nie perfekt oder reich sein oder werden wollten.
Den beiden würde ich gern den Bentley schenken, der mein ewiges Synonym ist, für die Erfüllung von Wünschen und Wohlstand, für das Ausbrechen aus der ewig gleichen Litanei, dem Gebetsmühlenartigen.

Nur um zu zusehen, wie sie, wie ich mir erhoffe, ihn anzünden, nachdem sie eine gelangweilte Runde damit gedreht haben und weiter ihr Ding machen.
Riding the bullet, not the Bentley.

Acid Bath, E.S.T Trip to the moon, Dead and buried.
Lang vergessene Hymnen meiner Adoleszenz.

Alien Sex Fiend – Rolemodel.
“You lucky people…”

Abgesang, das traurige Lied

Und so fährst du am Morgen durch die Dörfer.
Staunst immer wieder über das Tote, dass über und durch diese Orte dringt.
Das Ausgestorbene.
Die Leere.

Siehst die Häuser, den Grund, die Parzellen, Zaun, Abgrenzung und Einfriedung. Siehst es und staunst über die Verschwendung von Raum.
Raum, der doch nur Hort der Leere ist.

Vereinzelt Menschen, alte Menschen, vielleicht Ende 30, nur wenige älter, aber in ihren Haltung, ihrem Gang, in dem, was sie an sich tragen, tot, schon lange tot, vermutlich nie am Leben.
Leben, eingetauscht gegen den Trott, den Grund, das Haus, die Einfriedung, den einen Wagen, damit die Arbeit erreicht werden kann, den anderen Wagen, damit die Frau bis in den Supermarkt kommt, ein größerer Wagen, wenn der Nachwuchs schon so groß ist, durch die leeren Orte gegondelt zu werden, zu Schule, Sportplatz, Heimatverein und anderen Trostlosigkeiten.
Menschen, die in, der Jahreszeit angepassten kurzen Hosen, die Frauen gerne nur knapp über das Knie gehend, die Herren lieber Bermudalänge und stets Socken und stets Sandalen und meistens Hund bei sich und an sich.

Diese Fahrten durch die Dörfer, durch die Trostlosigkeit stimmen mehr als nachdenklich.
Du siehst mehr Katzen, die auf der Garagenauffahrt sitzen und auf den Zeitpunkt ihrer Morgenfütterung warten, als Menschen und die, die Du siehst, willst du nicht sehen.

Du fährst und siehst, was du nicht sehen magst, die toten, zerriebenen Igel, die zuckenden Eichhörnchen, die kleinen Füchse, die nie alt werden durften, den zerschmetterten Habicht, die zerfledderte Elster, die eine einsame zweite kleine Seele zurücklässt, Elstern gibt es, bis auf die Hinterbliebenen nur paarweise.
Du siehst all die Opfer der vergangenen Nacht und bist mal um mal dankbar, dass durch welchen Zufall auch immer, du nicht zu dieser Bilanz beigetragen hast, wieder einmal nicht.

Du liest die Ortsnamen, die das einzige Unterscheidungsmerkmal dieser Dörfer sind, liest den Namen und hast ihn vergessen, bevor der Ort durchquert ist. Es ist dir gleich, diese Orte werden nie Bedeutung erringen.

Du siehst die Geranienkästen an den Balkonen, siehst aufwändige Eisenarbeiten, die die Fenster im Parterre der Häuser, die Fenster und die, die dahinter leben, einkerkern. Hübsch verziert, doch ist es Kerkerstahl.
Die Häuser, manchmal mit auf alt getrimmten Bildern von Pferdefuhrwerken, alten Mühlen und anderen längst verblassten Gegenwarten geschmückt, du lachst, während du es aufschreibst, geschmückt, prust.
Siehst es und beschleunigst, versucht, dem Licht, dass die Bilder an deine Augen transportiert, zu entkommen. Sinnlos und schaust weg.

In der Mitte dieser Orte, die Kirche, Bastion der Verlorenen. Kirchen, die mit enervierender Regelmäßigkeit und ohrenbetäubendem Lärm ihre Botschaft verkünden, an die Alten, die, die wirklich alt sind und die, die nie jung waren. Dir ist es gleich, du versuchst dem Lärm zu entkommen und suchst weiter.

Suchst den Ort, an dem ein Café ist, dass schon offen hat, suchst den Ort, an dem eine Bäckerei ist, die mehr im Angebot hat als aufgebackenen Dreck mit Körnern darauf.
Suchst nach Kunst, Kultur und Nischen und findest sie nicht.
Setzt dich anderen Tags in Lokale, die dir nicht widerstreben und suchst das Gespräch, suchst darin den Dialog, vielleicht den Hinweis, hinter vorgehaltener Hand, sorgsam nur an den, der damit auch etwas anzufangen weiß, geflüstert.
Findest … nichts.

Denkst an andere Orte, nahe Städte, suchst den Unterschied, lachst und verwirfst die Hoffnung, den Gedanken.

Denkst an Lissabon, Venedig, kleine Orte auf dem Weg dahin und weißt, hast es erlebt, dass es da noch anders ist, vermutlich ist es die Gnade des “noch”, dass du es da anders erleben durftest.

Denkst an die kleinen Läden, mit der Espressomaschine, den Regalen voller Dinge des täglichen Bedarfs, die immer freundlichen, älteren und meist runden Frauen, die hinter der Theke stehen und dich willkommen heißen, lächelnd.

Dir, mit ihrem kleinen Angebot so viel mehr geben, als ein paar Nudeln, einer Packung Milch, die dich in den wenigen Momenten deines Verweilens glauben machen, dass es gut ist, dass Du da bist.

Denkst daran, bist ein wenig traurig, manchmal ein wenig verzweifelt und ohne Hoffnung.

Ziehst dich wieder zurück, bis zu deiner nächsten Fahrt, deiner nächsten Suche.