Vorwärts

Wie das wohl geworden wäre?

Wenn alle Schritte nur noch vorwärts, immer nur in eine Richtung, nie rückwärts, immer geradeaus, immer nur nach vorne strebend gegangen worden wären.

Wenn Zurückblicken, umkehren, im Kreis, oh ja, im Kreis wandern keine Option gewesen wäre.

Der Blick nach vorne gerichtet, der Rücken gerade, die Schultern straff, guten Mutes,nur nach vorne schauend, den Weg, dessen Pfad nach nur einem Moment weiter, schon ins Unbekannte führend hinauf steigend. Hinauf, in Regionen, die neu, voller Gefahren, voller Ungewissheit sind.

Lachend hinauf, die Angst verachtend am Wegrand zurückgelassen, wissend, dass weder Löwen, noch Tiger, noch Bären dort lauern werden, denn die wahre Gefahr kommt stets von Innen.

Die schmerzenden Füße, die Striemen, die das kleine getragene Bündel an Notwendigstem hinterlassen,
in Kauf genommen und begrüßt, zeugen sie doch davon, dass der Weg beschritten wird, der Pfad durchwandert, auch wenn das Ziel, die wahre Richtung noch im Verborgenen liegt.

Die Bestürzung darüber, dass es nicht der großen Gedanken, dem endlosen Herumwälzen, in Nächten ohne Schlaf bedarf, dass es nur die eine kleine Entscheidung ist, der eine Wunsch, dem die Tat folgen muss. Dass es nur den Funken braucht, damit das Feuer brennt und dann den Schweiß, damit es nicht mehr erlischt.

So würde es sein, wenn es gewesen wäre.

Rundgang und Automaten

Eresing, ein kleines Kaff zwischen Autobahn und Geltendorf.
Im Niemandsland.
Dort wohne ich…
Bauern, Kirche, Wirtshaus, Sportplatz.

Grässliche, nicht in die Gegend eingebundene Neubausiedlung.
Auf Regionales wird beim Bauen selten Rücksicht genommen.
Neckermannstyle ist angesagt.
Ich fotografiere so etwas nicht.
Da weigere ich mich.

Recht beeindruckend jedoch, die Menge an kleinen Kaugummiautomaten, die sich rund um den Dorfkern scharen.
Strategisch ordentlich verteilt, es soll ja keiner auskommen.

Das Verfallsdatum vermisse ich, auf dem Automaten.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass auch nur ein Teil aus den alten Automaten gezogen wird.
Später hoffe ich das.
Erfasse kaum, was ich auf einem der Automaten lese:

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Das darf verkauft werden? OK.

Wenige Schritte weiter, eine kleine Versöhnungsgeste.
Immerhin.
Wie so oft fehlt mir der künstlerische Bezug, dennoch freue ich mich über die Kontroverse.

Und über Allem der Kirchturm. Mit seinem Gedengel, meine Nemesis. NOT.
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Kurz mal überschlagen.
Dank der Besonderheit (?!), irgendwas originelles braucht der Ort ja, dass die Stunden zwei mal hintereinander geschlagen werden, sprich Mittag, oder eben auch Mitternacht, nicht 12 sondern 24 mal gedengelt wird, zuzüglich der Viertelstundenschläge, kommt man innerhalb eines Tages, eines Monats, eines Jahres auf eine ziemliche Menge an Gedengel.
Ziemlich genau 200.000 Schläge. Pro Jahr.
Plus Früh- Spät- Messe- und sonstwas Gedengel.

Wer es nicht glaubt, darf gern nachrechnen. Ich rechne gern vor 🙂
Schön, dass die Glocken rissig sind, sie sind derart verstimmt, dass es weh tut. Aber egal.

Hauptsache Dengeln…
Es ist OK, ich wohne hier, lebe hier, arrangiere mich. Noch..
Muss jedoch bemerken, dass es langsam reicht.
Zu karg.
Zu wenig.
Einigermaßen günstig immerhin, aber zu weit weg vom See.
Von allem.

Erkenntnisse am Morgen.

Unter dem Brennglas

Aus dem nichts, ein Gefühl.
Ein Gedanke.
Ein Echo.

Keines, das verklingt.
Eines das bleibt, sich verstärkt.
Mantra, das nicht mehr verstummt.

Reduziert auf die Stimme, die spricht.
Den Klang, der den Kopf zum Schwingen bringt.
Der das Schweigen bricht.

Weit entfernte Stimmen, die zueinander sprechen.
Hände, die nicht spüren, Zungen, die nicht schmecken, Augen, die nicht sehen.

Nur Stimmen, die sprechen.
Ohren, die hören, was in den Pausen gesprochen wird.
Kein Laut, der erklingt, spricht.
Wenn Stimmen schweigen,
ensteht Echo, das nicht verklingt.

Unter dem Brennglas, der eine leuchtende Punkt.
Heller als der Tag, dessen Schönheit darin vergeht.
Das Herz verglüht, vergeht, welkt, schwindet.

Haut, die verbrennt.
Sinn, der schwindet.
Sein, das zerbricht.

Stolz wird zu Wut.
Das Licht geht aus.
Das Brennglas bricht.
Die Nacht vergeht.

Ein neuer Tag beginnt.
Die Suche, das Glas,
bereit für einen neuen Tag.

Nur ein Traum

Die starren Nächte, so nannte er sie.

Angst war in diesen Nächten ein zuverlässiger Begleiter. Er konnte sich auf sie verlassen. Sie ließ ihn nie im Stich.
Und so lag er da, erstarrt.
Mit lahmen Gliedern, unfähig, sich zu rühren.
Unfähig zu atmen, nicht in der Lage Luft durch seinen zugeschnürten Hals in die Lungen zu pumpen.
Er schlief nicht, war nicht wach.
Luzid, im Zwischenreich. Und doch real.
Wenn er nicht bald atmen würde, wenn es ihm nicht bald gelingen würde, die Last von seiner Brust zu nehmen, die Starre zu durchbrechen. Dann würde es geschehen. Das Unvermeidliche.

Einmal, da war er in einem Hotel, im Wellness Bereich, gönnte sich etwas Besonderes.
Es sollte etwas ganz besonderes werden.
Eine Wanne mit einer Matte darin, die Wanne voll mit warmer Flüssigkeit auf der die Matte schwamm.
Er legte sich hinein, die Arme über der Brust verschränkt, wurde mit der weichen warmen Matte, auf der er lag und die großzügig bemessen war, zugedeckt.
Und ins Warme abgesenkt.
Was manchem wie ein Traum an Geborgenheit erscheinen mag, war für ihn die Wahrwerdung des schlimmsten Alptraumes.
Etwas, dass er nicht bedacht hatte.

Der Angestellte, der ihn hinabließ, war binnen Momenten verschwunden, murmelte, dass er in 25 Minuten wieder da wäre, drehte das Licht beinahe aus und ließ ihn alleine zurück.
Bei einschläfernder Musik.
Und nichts fürchtete er mehr, als einzuschlafen, grub seine Hände frei, hatte Angst noch tiefer zu versinken, in die Wanne, in den Schlaf.
Die Minuten, zäh, klebrig, wie Honig, doch lange nicht so süß, zogen an ihm vorbei.
Er, mit dem Schlaf, der Wärme, der Enge kämpfend, nicht fähig, aus eigener Kraft zu entrinnen. Gefangen.

Gefangen, wie in dem lähmenden Halbschlaf, der ihn fest im Griff hatte, wenn es ihm widerfuhr.
Wenn er schlief, wenn er ohne Kraft in den Muskeln war, nicht fähig, auch nur eine Hand zu heben oder Laut zu geben.
Wenn die Träume kamen.
Dann holten sie ihn ein und er, wach und dennoch im Traum gefangen, träumte, wie sie ihn einholten, wie sie ihn bedrohten, wie sie die Waffen zückten, wie sie ihm Traum um Traum näher kamen, sich schlussendlich ihm zuwenden würden und er, ohne Kraft, ohne Fähigkeit zur Flucht, nur in der Lage, sich zu fügen.
Um dann immer im letzten, im allerletzten aller möglichen Momente, den Widerstand seiner Gliedmaßen zu brechen, sich zu strecken, mit einem Bein zu stoßen, einen Arm zu heben, den Kopf zu drehen, den Bann zu brechen.
Zu entkommen.
Er lag da, konzentrierte alle Kraft auf diesen einen Ruck, den er tun musste, sog das wenige an Luft, dass ihm durch den engen Hals in die Lungen strömte, hoffte, dass es genug war und

entschloss sich, es diesmal sein zu lassen, den Kampf aufzugeben und zu warten, was geschehen würde.
Es war kein klein beigeben, mehr Trotz, mehr die klare Entscheidung, hier und jetzt die Flucht zu beenden, es ein für alle mal zu Ende zu bringen.
Sein Ritual zu brechen, in dem er, so wie er im wachen Traum, in der Starre hier lag, liegen zu bleiben, den Traum zu Ende zu träumen.

Was würde geschehen, wenn sie, bewaffnet und bereit, auf ihn einstürmten, wenn das wenige an Luft, dass er in den Lungen hatte verbraucht war, wenn sein totgleiches Liegen nicht in dem einen Ruck beendet wurde?
Er würde es genau jetzt herausfinden und gab den Widerstand auf.

Der Alp

Über die Entbehrungen

Ich lebe im, ich muss es zugeben, selbstgewählten Exil.
Ich korrigiere mich.
Die Wahl hatte ich einmal getroffen,
später dann die Gelegenheiten,
dies zu ändern,
zu revidieren,
ungenutzt verstreichen lassen.

Es gab diese Phasen, in denen ich es genossen habe,
weit ab vom Schuss, am Rande eines kleinen Kaffs zu leben,
vor mir nur Grün und einen unbefestigten Weg,
der in den nahe liegenden Wald führt.

So mancher mag mich um dieses Idyll,
das tatsächlich eines ist, beneiden.
Ich sage, wer will, kann es haben.
Ich will es nicht mehr.

Das Idyll hier hat seine optischen Reize, ohne Frage.
Die Ruhe, die Stille,
das mag so sein, dass Mancher davon zu wenig hat.
Ich nicht.
Ich habe genug davon.
Im Sinne von Kanal voll.

Ich vermisse die großen und kleinen Geschichten,
von denen andere Orte voll sind.
Dieser hier nicht.

Ich brauche sie, weil sie der fruchtbare Boden sind,
auf denen meine Erzählungen wachsen.
Ich will in Gesichter sehen,
Augenblicke erleben,
Gesprächsfetzen hören,
Leben in mich einatmen,
dafür Geschichten ausatmen.

Ich will Abends raus gehen und in mehr sehen,
als Fenster von Einfamilienhäusern, in denen der Fernseher flackert
und funzelige Energiesparlampen von der Decke hängen.

Ich will durch Straßen gehen,
die voll sind von Leben und nicht nur ab und an jemandem begegnen,
der mich argwöhnisch begutachtet.

Ich könnte ja der Einbrecher sein,
auf den sie schon seit langem warten,
wegen dem sie die Tür mit Stahlriegeln verstärkt
und das Klofenster vergittert haben.

Ich bin es nicht.
Hast Dein Geld umsonst ausgegeben.

Sie mögen aufregende Leben führen,
ich sehe sie vermutlich immer nur zur falschen Zeit,
habe ein verzerrtes Bild.
Mag sein. Obwohl ich daran zweifle.

Wenn mich abends der Hunger aus dem Haus treibt,
der Hunger nach Menschen,
so muss ich dem nüchtern begegnen,
vor mir sind 40 Minuten Fahrt mit dem Wagen.
Selbst wenn ich mit der S-Bahn fahren möchte,
muss ich den Wagen zum Bahnhof nehmen.
30 Minuten zu Fuß bei Regen sind kein Spaß.
Ein Bus fährt nicht.

Ich habe diesen Ort einmal mein Zuhause genannt,
nun ist es meine Verbannung.
Die ich selbst brechen kann, ich muss nur gehen.
Ich werde gehen, all das hier hinter mir lassen.
Ich möchte keiner von Denen sein.

Handlungsanweisung:
Verlasse diesen Ort
Ziehe dorthin, wo dein Herz sein will.
Ziehe dorthin, wo Leben ist.

Ziehe in die Stadt,
die große, echte Stadt.
Lebe, liebe, beobachte,
arbeite, schreibe.
Sei.
Tu es bald.

Exil

Bestimmungsort: Neuland

Von hier an alles neu.
Kein Blick zurück.
Keine retro Perspektive mehr.
Volle Kraft voraus.
Neuland. Neue Wege. Neue Ufer.

Das ist mir ein Anliegen, mein Ziel.
Raus, rechts ab und weiter.
Die Straße herunter.

Da, der kleine Pfad, den kenn‘ ich nicht, den will ich erkunden.
Wo führt er hin?
Zögern? Bedenken?
Nein, nicht dieses Mal. Nicht heute.

Heute ist Zeit für Neuland.
Persönliche unbekannte Territorien, die zu kartographieren sind.
Das Weiß auf der Karte, es muss schwinden, verringert werden.
Im Willen kein Platz für Versagen.
Kein Ort, der nicht erkundet sein mag.

Mag der Weg auch zum Umkehren schwer sein, so muss es gelingen, ihn zu Ende zu gehen.
Denn dort, wo neue Wagnisse eingegangen werden müssen, dort ist auch Frieden.
Und selbst das Scheitern ist nur Ermunterung zum Weitermachen.

Keine Umkehr, nicht heute, nicht dieses Mal.
Hier und Jetzt beginnt das Erkunden.
In this very minute.
Jetzt.
Kein Hinauszögern, keine Ausreden.

Die ersten Meter, noch bekannt,
in stetigem Schritt, sich ihm nähernd,
dem ersehnten Neuland entgegen.

Neuland

Haidhausen revisited

Ich parke in der Sedanstraße, nur ein kurzer Weg, vor zu dem Platz, Ecke Milch- und Steinstraße.
Ich mag dort erst mal frühstücken.
Im Mezzodi, einem kleinen Italiener, der bis 16 Uhr auch Frühstück anbietet.

Sehr weit komme ich nicht.
Eine Haustür steht offen. Eintritt frei!
Der Fußboden sieht einladend alt aus.
Mein Blick fällt auf das Treppenhaus, die alte Holztreppe, das Geländer.

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Die Eingangstüren zu den Wohnungen…
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Mich gruselt es bei dem Gedanken an Neubauten und ihre lieblose Bauweise.
Mit geringstem Aufwand wird an der Tür gezeigt, wie liebevoll Wohnraum sein kann.
Ich beneide die Anwohner.

Der Weg aus dem Haus zeigt mir eine Farbenpracht.
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Wer hier vorbeikommt, an der Hausnummer 15 sollte es nicht versäumen, einen Blick ins Haus zu werfen. Falls die Türe offen ist…

In der Steinstraße gibt es dieses Faktotum eines Plattenladens. Seit Jahrzehnten. Monkey Island Records.
Ich war noch immer nicht drin, die Öffnungszeiten machen es mir schwer.
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Wirklich abgefahren ist die Ankündigung eines Guru Guru (Krautrock!) Konzertes im November 2013.
In Olching.
Ich liebäugle damit, hinzugehen.
Obwohl meine Haare dafür noch zu kurz sind, um als seriös durchzugehen…
10 von 10 Punkten auch für das Amon Düül 2 Plakat – Die Lemminge tanzen wieder…

Grandios und auch in der Steinstrasse, der Sarotti Mohr.
Kaum zu fassen, dass so etwas mittlerweile als politisch grenzwertig bis inkorrekt gilt.
Ein Stück Werbekunst.
Zum Glück hängt er noch da.
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Ich hoffe, dass es noch möglichst lange dauert, bis die Zeichen der Vergangenheit verschwinden.

Gegenüber von dem Mohr war bis in die 70iger das Coca-Cola Abfüllwerk.
Die Pressestelle in Berlin ist angeschrieben, um Bildmaterial wurde gebeten.
Ob ich eine Antwort bekomme? Es bleibt spannend.

Am Straßenrand in der Kellerstraße ein anderes Relikt der frühen 70iger. Ein Traum in rot.
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Es gab mal eine Zeit, da hat sogar Opel Autos gebaut….

Ebenso schön, Marke unbekannt.
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Beim Entlangschlendern Richtung Preysingstraße entdecke ich noch einen „Schuhabkratzer“ vor einer Haustüre.
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An der Ecke Keller- Preysingstraße steht es noch immer.
Was ist der korrekte Name? Pissoir? Bedürfnisanstalt (Anstalt?!)
Seiner Funktion beraubt. Abgesperrt. Beschmiert. Ein Relikt.
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Haidhausen ist einen Spaziergang wert, am besten tagsüber, unter der Woche.
So viele kleine Geschäfte, die tief verwurzelt sind mit dem Stadtteil.
So viele kleine Dinge, die der Zeit und dem Fortschritt trotzen, aufzeigen, wie es sein kann, wenn man baut, mit dem Willen zu erhalten, zu bestehen.
Wann kommt der nächste Spaziergang?
Durchs Lehel? Dem Glockenbachviertel?